Mittwoch, 13. Juni 2007
Hallo Du!
Da staunst Du, was? Obwohl Du noch gar nicht geantwortet hast,
kommt hier schon der Brief mit den versprochenen typischen Begebenheiten.
Weißt Du,
ich hab' Rufbereitschaft. Wenn der Stress losgeht, muss ich in die Kneipe
springen, das Warten ist schrecklich, der Eintritt ins Chaos entsetzlich.
Das ist nicht meine Kneipe, wenn ich nicht in den Abend gewachsen
bin. Eine willkommene Ablenkung ist, kleine Geschichtchen aufzuschreiben:
* * * Szenen von der Gastrofront * * *
Ein freundlicher Gast versucht, eine Bestellung aufzugeben:
"Ich hätte gern das Tagesessen, ist noch welches da?"
"Nein, das Tagesessen ist heute leider besonders früh aus."
"Ach, dann such ich mir etwas anderes ... also, trinken möchte ich eine Berliner
Weisse grün."
"Tut mir leid, unsere Berliner Weisse ist aus ... seit Wochen ...
Lieferprobleme ..."
"Och, wie schade! Da muss ich nochmal ganz neu überlegen - ach, ich esse
einfach das Steak Nummer 2!"
"Oje, unser Fleisch ist leider auch aus! Tut mir so leid ... gerade eben ...
sehen Sie, der Mann da drüben isst gerade das letzte Stück!"
"Ähm – hättet Ihr vielleicht noch Bier da?"
* * *
Die Kneipe ist mäßig besetzt, der Außenbereich ebenso.
Zwei Theker und zwei Küchenleute müssen ständig
hinter der Innentheke hervor und
durch einen baulich bedingten Engpass nach draußen und zurück laufen.
Hinzu kommt natürlich
ein unaufhörliches Hin und Her von ankommenden, bestellenden, zahlenden
und heimkehrenden
Gästen.
Ein frisch eingetroffener Gast – nur ein fiktives Beispiel,
trotzdem nicht zum
ersten Mal in der Kneipe - schleppt einen
Hocker genau in diesen eigens von uns
freigeräumten Engpass und lässt sich
darauf nieder. Er will unbedingt in dieser achtzig Zentimeter breiten Lücke
sitzen, obwohl an der Theke
rechts und links noch meterweise Platz ist und sonstwo sowieso. Das
Äußere unseres Beispielexemplares variiert. Falls der Mann
gerade mal keinen dicken Wanst hat, balanciert die Frau drei
Säuglinge auf den Knien oder er/sie ist groß und breit und hängt wie ein
Fragezeichen auf dem Hochstuhl.
Personal und
andere Gäste schleifen diesem
Gast durch das ständige Sich-Vorbeizwängen-Müssen fast die Kleidung
vom Leib. Erst nach Stunden kommt der gebeutelte Hockerfreund auf die Idee,
sein Korkdasein
im Flaschenhals könne eventuell etwas ungemütlich sein, vielleicht sogar
der ganzen verdammten Kneipe monumental auf den, äh, Geist gehen.
Meistens allerdings
kommt er nicht darauf.
Das ist sein Platz. Immer. Und wenn es ihn die Haut kostet.
* * *
Eine Gruppe will zahlen, fünf Personen versammeln sich an der Theke.
Die erste zahlungswillige Person verharrt regungslos, bis sie den
Preis vernommen hat. Dann verkündet
sie, jetzt ihr Kleingeld loswerden zu wollen. Sie lässt diese Ansage
im Raum verhallen, dann begibt sie sich
auf die Suche nach ihrem Geldbeutel. Endlich
ist er gefunden, sie öffnet ihn feierlich und fischt mit zwei
Fingern in einem winzigen Geldfach.
Inzwischen haben sich andere Gäste an die Theke begeben. Sie wollen zahlen,
bestellen, Salz, Brot, lautere Musik. Sie stauen sich in mehreren Reihen um
die zahlende Gruppe herum. Alle schauen wie gebannt auf die pulenden
Finger, die nun gemächlich 10- und 20-Cent-Stücke hervorkramen
und auf dem Tresen zu kleinen Stapeln auftürmen.
Natürlich arbeitet
der Thekenmensch gerade alleine. In der Küche sind alle beschäftigt,
die Aushilfe ist im Keller verschollen. Unter den Hähnen
steht das Bier ab. Der Theker macht Anstalten, sich schnell
um einen anderen Gast zu kümmern. Die zahlungswillige Person mault ihn an.
"Hallo, jetzt laufen Sie doch nicht gleich weg! Ich bin doch
schon fertig."
Also täuscht der Theker Aufmerksamkeit vor und
versorgt alle erreichbaren Gäste heimlich.
Leider will die
letzte Münze der zahlungswilligen Person partout nicht aus dem Fach
herauskommen. Als sie endlich draußen ist, ist es eine Supermarkt-Wagenmünze.
Ein Supermarkt-Wagenpfand ist kein Euro, das Geld reicht nicht.
Alle Münzen müssen wieder in das Geldfach
hineingegepfriemelt werden. Endlich fördert die zahlungswilligen Person
einen Geldschein zutage und überreicht ihn dem Theker.
Fünfzig Leute stöhnen erleichtert auf, einige davon lösen ihre
Zähne aus Kleidung, Tischplatte oder dem Arm ihres Nachbarn.
* * *
Situation wie eben, Menschen drängen sich um die Theke. Die nächste
Person zahlt.
Der Theker rechnet flink, denn er hat Stress.
"Macht 12,80 bitte!"
"Mach dreizehn."
"Danke!" Der Thekenmensch springt
mit zwanzig Euro zur Kasse, sortiert ratz-fatz zwanzig Cent Trinkgeld ins Fach,
sieben Euro Wechselgeld raus, den Schein ein, zurück zur zahlenden Person
in einskommafünf Sekunden. Theker haben meistens Stress.
Die zahlende Person hat ihm zugesehen
und sagt angesichts des
Wechselgeldes: "Warte mal. Also drei Euro hab' ich glaub' ich doch passend.
Ich hätte nämlich lieber einen Zehner als Wechselgeld."
Sie fängt
an, im Geldbeutel zu wühlen. Der Theker sortiert derweil das Geld
wieder zurück und bringt den Zehner. Damit es schneller geht.
Doch er hat kein Glück. Er erhält drei Euro
in Münzen mit der Anmerkung: "Ach, kann ich den Zehner dann doch
in Kleingeld für Zigaretten haben?"
* * *
Ein Küchenmitarbeiter schafft es, gleichzeitig drei Aufläufe und
zwei Salatplatten an einen Tisch zu bringen. Prompt greift ein hilfsbereiter
Gast zum zentralen Stützteller auf seinem Arm. Der Küchenmensch reagiert
mit den Ausrufen "Nein!" und "Bitte nicht!", er macht verzweifelte Ausweich- und
Balancierbewegungen.
Der Hilfsbereite zieht indigniert die
Hand zurück. "Dann eben nicht."
Eine Frau quietscht "Hihi, der Koch tanzt! Was hat er denn?"
Vom anderen Ende des Tisches kommt: "Ich hatte aber noch ein
Steak bestellt, wo ist das denn, haben Sie das vergessen oder wie?"
* * * Ende * * *
So Du Dein Glück in der Gastronomie suchen solltest, weißt Du nun, was Dir dort blühen kann.
Mach's gut!