Dienstag, 27. August 2007
Hallo Du!
Ja, Du hast recht: Der letzte Brief war eigentlich gar keiner. Genaugenommen
sogar die letzten drei. Aber sie waren doch halbwegs unterhaltsam, oder?
Ja, der Vergleich mit dem Phonix im vorletzten Brief
war übereilt: Der Vogel lag vielmehr noch in den letzten
Zuckungen. Vielleicht passt das Bild später einmal besser.
Im Moment fühle ich mich eher in der Schwebe. Wird ein freier Fall
daraus, hast Du nichts mehr zu lesen. Also sei freundlich und drücke
mir die Daumen. Was glaubst Du, wieviel Zeit über
so langen E-Mails vergeht!
Ich höre Dich hämisch anmerken:
Da ich nun arbeitslos sei, hätte ich doch reichlich Zeit.
Erwischt, gib's zu! ;)
Keine Sorge, ich verzeihe Dir. Dein Bericht über den katastrophalen
Abend als Servicekraft in einer Schicki-Micki-Kneipe macht alles wieder gut.
Ich wäre niemals auf die Idee verfallen, dass es Dir damit ernst
sein könnte.
Du hast Dich als Servicekraft beworben, nur weil
damals, bei Deinem einzigen Besuch hier, mein Wirken an der Theke wie ein Tanz
ausgesehen hat? Weil mir alles, ich zitiere:
"vielarmig wirbelnd faszinierend flink gelang.
Fast, als sei jeder Handgriff im Voraus gar geplant."
Ach du liebe Zeit. Majusebetter gar. Natürlich plane ich jeden Handgriff
im Voraus.
Eine Thekenschicht ist kein Tintenfischballet, sondern
harte Arbeit. Dazu bedarf es einiger Konzentration, und auch der Koordination.
Uuund Du hast das Ergebnis von Routine gesehen.
Übung, Schätzchen. Schlappe zehn Jahre im Kneipenkollektiv.
Außerdem ist bei uns sowieso alles anders. Das kannst Du nicht
mit anderen Läden vergleichen,
wir haben doch weder Kassensystem noch Tischbedienung.
Was fällt Dir übrigens ein, mit
"langjährige Erfahrung in der
Gastronomie" hausieren zu gehen?! Was meinst Du denn damit, die
Lektüre meiner E-Mails? Die lustigen Geschichten über
"beschränkte" Gäste? Gnarf. Du hast allenfalls langjährige Erfahrung
als Gast.
Gäste
sind nicht beschränkt. Ähm, jedenfalls die meisten. Sie sind einfach
Gäste. Und wenn Dich ein Gast um Zucker für seinen Kakao bittet,
dann bringst Du ihm selbstverständlich welchen. Du hältst ihm keine
Rede des Inhalts, dieses Chemo-Kakaozeug bestehe doch sowieso schon zu
siebzig Prozent aus Zucker und deshalb sei Zucker im Kakao einfach widerlich.
Ein Gast darf in einem gewissen Rahmen alles, und wenn er Mayonnaise in seinen
Kaffee rühren will. Zwar hast Du recht mit dem Kakao und Mayo-Kaffee
wäre nun wirklich abartig. Aber lästern tust Du darüber,
wenn überhaupt, nur im Off. Nach einigen Jahren schockt den Theker sowieso
nichts mehr.
Ach, sorry. Eigentlich will ich gar nicht auf Deinen Missetaten
herumreiten, bitte
entschuldige meine Aufregung. Ich fühle mich halt ein wenig
verantwortlich für das Desaster. Weil ich im letzten Brief geschrieben
habe:
"So Du Dein Glück in der Gastronomie suchen solltest, weißt Du nun,
was Dir dort blühen kann."
Aber woher sollte ich wissen, dass Du das in
"langjährige Erfahrung" ummünzen würdest? Kein Wunder, dass
sie Dich nach zwei Probestunden rausgeworfen haben! Ein Rätsel bleibt mir
allerdings, wie Du in der Zeit hundert Euro Minus hast machen können ... genug
davon.
Schön, dass Du jetzt die Arbeit im Buchladen gefunden hast. Aber reiß'
Dich am Riemen und werd' nicht handgreiflich, wenn jemand
"den Meffisto von
dem Göthe" verlangt. ;)
Ja, das kenne ich: Eine Erfahrung wie Deine verunglückte Probeschicht geht einem noch einige Zeit nach. Wirklich bitter, dass Dein neuer Chef seit Jahren ausgerechnet in dieser Kneipe seine Geburtstagsfeier begeht. Hast Du wieder davon geträumt, Du Ärmster?
Zum Trost möchte
ich Dir von meinem Brieffreund Dedi erzählen. Vielleicht kannst Du ja
darüber lachen -
sein Einstand als Szenekellner war ebenfalls ein Eklat, wenn auch in anderem
Sinne als Deiner.
Dedi heißt eigentlich Dieter, aber den Namen mag er nicht
hören (und "Didi" schon gar nicht.) Dedi hat bei seiner
Einarbeitung eines der weniger verbreiteten Exemplare von Gast abbekommen.
Einen, der aus reiner Bosheit Serviceleute schikanieren wollte.
Normale Gäste tun das
aus
Unwissenheit, oder zumindest aus Gedankenlosigkeit. Oder weil sie die Abläufe
in der Gastronomie zu kennen glauben, aber gänzlich falsch liegen damit. Die
meinen es nicht böse.
Die fiesen aber, die picken sich zielsicher den Anfänger
aus einer
Flotte von zwanzig abgebrühten Kellnern heraus. Um ihn genüsslich
zu schicken,
zu triezen und zu überfordern.
Und ihn dann vor aller Augen vom Chef
zur Schnecke machen zu lassen. Man könnte meinen, sie
gehen nur aus, um Servicekräfte zu quälen.
Dedis Exemplar von Kellnerquäler orderte einen frei erfundenen Cocktail.
Einen "Genfer Gurgler". Dedi kannte sich
noch nicht so gut aus mit der Cocktailkarte, ließ sich aber nichts anmerken
und überbrachte die Order seinem Theker.
Der wiederum ließ
Dedi nachfragen, ob der
Gurgler neutral oder pangalaktisch zu servieren sei.
Dem Theker war natürlich
sofort klar, womit er es hier zu tun hatte. Den arglosen Dedi hat er
nicht gewarnt, er hat ihn mit
Freuden verheizt. Das war allerdings kein Wunder: Dedi, ein Wilhelm
Tell der Fettnäpfchen, hatte ausgerechnet bei ihm über den
ledergewandeten Chef abgelästert. Auch Männer
sind schon mal mit dem Chef liiert. Nun gut, Dedi
hatte das nicht gewusst. Aber als Neuer passt man doch auf und
plappert nicht drauflos, nur weil der Theker so knuffig ist!
Der niedlichste Barkeeper der Stadt sah ungerührt zu, wie
Dedi freundlich nachfragte. Und wie der Gast ihn
prompt als einen "studierten Schwachmatiker" beschimpfte. Dedi kam
stinksauer und mit einem komplizierten
Nonsense-Rezept zurück,
und der Theker machte sich gemächlich ans Werk.
Als Dedi den Cocktail brachte, wies der
Kellnerquäler das Werk empört zurück.
Weil es so lange gedauert habe und trotzdem die Cocktailkirschen-Scheibchen fehlten.
Dabei hatte er vorher keine Cocktailkirschen erwähnt. Was Dedi
natürlich nicht beweisen konnte - auf seinem Block stand nichts davon,
also hatte er sie offensichtlich zu notieren vergessen. Geiferte der Gast
und ließ Dedi nochmal laufen.
Doch die zweite Version lehnte
das Arschgesicht
ebenfalls ab:
"Willst du mich veräppeln?
Das ist doch der von eben, mit lieblos hinterhergeworfenen Kirschen.
Die sind nicht mal
in Scheibchen!".
Das stimmte nicht, denn der neugierige Theker hatte die abgelehnte Création
selbst probiert, weggeschüttet und die zweite in gewohnter Geschwindigkeit
hergestellt. Doch Dedi
biss die Zähne zusammen und verteidigte sich nicht.
Als unser Held zum dritten Mal einen Genfer Gurgler an den Tisch brachte, war der Kotzbrocken bereits seit zwanzig Minuten ohne Getränk. Offenbar war genau dieser Zustand das Ziel seiner Aufführung gewesen, denn er fuchtelte (wozu auch immer) mit seinem Angeber-Telefon herum, zeigte auf die Uhr und verlangte nach dem Chef. Außerdem beschwerte er sich über die Lautstärke der Musik. Doch damit nicht genug, garnierte er diese schöne Rede auch noch mit schwulenfeindlichen Sprüchen.
-- Es gibt also tatsächlich Leute, die marschieren in eine Kneipe des Namens Der belegte Mann und geifern dort lauthals gegen Homosexuelle. Lässt das auf schlichte Dummheit oder doch eher auf suizidale Neigungen schließen? Man muss den Film nach Ralf König nicht mal kennen, um das Wortspiel zu kapieren. Übrigens kann man online verfolgen, was sich im Mann so bewegt. Leider hat niemand mitgeschnitten und der Chef rückt nichts raus. --
Der knuffigste aller Theker bekam die Beschwerde über die Musik mit
und stellte den Techno prompt leiser. Schweigen
und Erstarrung breiteten sich konzentrisch über die
umliegenden Tische aus, als das zu 98% homosexuelle Publikum
den Kellnerschicker hetzen hörte.
Im Zentrum stand unberührt der Genfer Gurgler 3.0.
Dedi,
mittlerweile bleich vor Zorn, verkündete in die musikuntermalte
Stille hinein:
"Aber bitte doch, gern! Der Chef kommt sofort!"
Der Chef saß mit gespitzten Ohren am Nachbartisch.
Gelassen und scheinbar ahnungslos nahm er die Meldung seines neuen
Kellners entgegen. Beinahe hätte auch er dem armen Dedi einen Streich
gespielt,
denn er bevorzugte toughe Kellner, die sich wehren konnten. Doch er erhielt vom
Theker ein Zeichen und gab Dedi eine Chance.
Dedis Quälgeist fuhr herum, als sein Opfer zum Nebentisch ging,
statt irgendwo
im Off zu verschwinden. Er sah
fassungslos zu, wie sich
dieses ziemlich große und auch eher breite Leder-Chefwesen mit all
dem Metall am (und im) Körper knarzend erhob. Wie es an seinen Tisch trat.
Und basslastig säuselte:
"Hi, Schätzchen ... Ich bin der Belegte Mann."
Woraufhin dieser geistig umnachtete Honk, der tatsächlich noch immer nicht
kapiert hatte, erneut nach dem Chef verlangte. Und weiterhetzte. Und sogar
mit der Polizei drohte.
Was wiederum Bullen-Danny auf den Plan rief, den
Uniform-Fetischisten. Der erklärte ihm freundlich, der
Chef im Belegten Mann sei - man höre und staune - eben der Belegte
Mann.
"Da steht er vor dir, wenn auch ohne Ständer.
Kein Problem. Ich bin immer wieder gerne Freund und Hefer,
wenn es ans Entjungfern geht."
Dann blies Buillen-Danny in seine Trillerpfeife und brüllte:
"Soko Arschfick!"
Woraufhin vier Mann
den Kellnerquäler auf den Tisch packten.
Er schrie wie am Spieß, sie taten ihm
natürlich nichts. Jedenfalls nichts Schlimmes, der Theker hatte nämlich den
Genfer Gurgler in Sicherheit gebracht. Den verteilte er nun fachmännisch
im Schritt der Jeans vom Ätzer und setzte mit der Sprühflasche
ein Sahnehäubchen
drauf, das Dedi mit den Cocktailkirschen-Scheibchen verzieren durfte.
Den fertig dekorierten Typen verfrachteten sie vor die Tür. Er
soll tatsächlich auf- und abgesprungen sein,
um die delikate Garnierung loszuwerden. Wollte sich
wohl nicht öffentlich in den Schritt greifen.
Drinnen gerieten sie über dem Anblick ganz aus dem Häuschen.
Zwei Mann machten Anstalten,
zu ihm nach draußen zu kommen, da ist er weggerannt.
Sie hatten aber nur mit ihm tanzen wollen.
Der Chef ließ einen Karton Sprühflaschen springen, bald hüpften die ersten Gäste mit weißem Häubchen im Schritt herum. So begann die legendäre Sahneschwanz-Nacht, eine von diesen Spontanfeten. Die Webcams haben dafür gesorgt, dass binnen kurzem "kein Schwanz mehr in den Mann gepasst hat", wie der Chef den Gästeandrang zu umschreiben beliebte. Später, das heißt morgens früh um sieben, musste die Polizei den Laden räumen. Die Beamten hatten offenbar ziemlich Mühe damit, die meisten Gäste waren reichlich glitschig. Die Polizisten dann auch. Und Bullen-Danny hat ihnen mit seinen Trillern und Kommandos wohl nicht gerade die Arbeit erleichtert.
Soviel zu Dedis Einarbeitung. Kam auch in den Nachrichten, vielleicht hast
Du ja davon gelesen. Er arbeitet noch immer dort, manchmal winkt er
für mich in die Webcam.
Und der Genfer Gurgler, der steht jetzt auf der Karte: Neutral oder mit
Cockring-Kirschen.
... mach's gut!