Der Leo-Aspekt. Altgruftipunks Textereien.

Frau Wurgel in der Eisenbad

Ich gehe zur Eisenbad-Bank und denke an nichts Böses, was man nicht von allen Leuten mit dem gleichen Ziel behaupten kann. Die Welt ist ungerecht, drinnen fällt mich die Wurgel an.

Frau Wurgel hat sich in letzter Zeit rar gemacht und es mal mit einem Pflegeheim probiert, erzählt sie. Vorgestern haben die sie rausgeworfen, ein paar Klagen wegen Körperverletzung stehen noch aus. Nicht gegen das Heim (Sie kennen doch Frau Wurgel.) Die Wurgel terrorfoniert Kneipenteams, lässt ungern ausreden und mordet für Tauben. Als sie mit ihren Neuigkeiten durch ist, hat sie mich gleichzeitig in einen Winkel abgedrängt, geschickt meinen Fluchtreflex nutzend. Für dieses Tosska sollte man Riechplaketten einführen.

Während ich mich benommen an die Wand lehne, zischt die Wurgel „Ich hab’s! Ich weiß, was dahintersteckt!“
„Wie bitte?“ erkundige ich mich.
Die Wurgel rückt ein Stück näher. „Wo sind wir hier, na?“
„In der Bank.“ antworte ich wahrheitsgemäß.
„Hurr jussas, in welcher denn?“ fragt die Alte ungeduldig.
Ach so, sie hat vergessen wo sie ist und es ist ihr peinlich! Da helfe ich doch gern weiter. Ich senke ebenfalls die Stimme und murmele: „Wir sind in der Eisenbad, in der Filiale …“
„Treffer!“ unterbricht sie mich, „Die Eisenbad – herzlich und ver! Ich hab’ den Slogan geknackt!“ Triumphierend hackt sie ihren Stock in den Teppich.
„Heißt das nicht ‘fair’?“
„Ja. Nein. Ich meine, das ist ja so ein raffiniertes Wortspiel! Aber rausbekommen habe ich es doch. Ha! Ist Ihnen noch nie aufgefallen, dass diese Bank hält, was sie verspricht? Also, von wegen fair, Bank ist Bank, kommen Sie, Kindchen, da achen doch die Hühner! ‘Fair’ sind sie alle. Aber was die Herzlichkeit angeht, so herzliche Angestellte wie in der Eisenbad finden Sie nirgends wieder! Ich muss das wissen, ich führe dreiundzwanzig Konten bei zwölf verschiedenen Banken. Und ich weiß jetzt auch, wie sie das in der Eisenbad mit der Herzlichkeit hinkriegen! Da bin ich doch neulich hinter die Beratungspulte gekrochen, um meinen Stock zu holen …“
„Was machte denn Ihr Stock hinter den Pulten?“
„Er lag dort. Ich wollte wissen, ob das Personal auch unter, öh, Stress noch lächelt. Die Bankangestellte hat sich herzlich-besorgt erkundigt, ob mir unwohl sei, dann ist sie umgefallen. Muss sie wohl etwas zu hart erwischt haben, der dumme Stock. Wir waren zwar allein in dem Raum, ich weiß aber, dass Banken überwacht werden, mit Kameras und Lichtschranken und so. Also pirschte ich mich auf allen Vieren vorsichtig um das Pult herum, und da habe ich sie gesehen!“
„Die arme Frau!“
„Die auch, ich meine aber die Kabel! Eins lief zu ihrem Fußknöchel. Mir blieb nicht viel Zeit für Untersuchungen, aber das Prinzip habe ich gleich verstanden. Ich beobachte die Angestellten der Eisenbad schon seit langem, deshalb musste ich nur noch kombinieren. Sie werden es nicht glauben, aber sie sind ausnahmslos verkabelt. Die stehen alle unter Strom! Vermutlich sind da so Schwellen vornedran, als Unterbrecher. Kommen die Kunden nahe genug heran, dann hört der Strom auf und die Bankleute strahlen wie die Weihnachtsmänner. Natürlich! Je länger einer auf der Kontaktschwelle herumkarbustert, desto mehr wächst er ihnen ans Herz. Wenn niemand sie braucht, dann leiden sie, man sieht es deutlich, so ein unkontrollierbares Zittern ist das. Das also steckt hinter dem ‚ver’: Es steht für ‚verkabelt’! Oje, da schlägt die Uhr, jetzt muss ich mich aber sputen!“

Ihre Stimme verklingt, ich muss kurz die Augen schließen - sie tränen vom Tosska. Als ich sie wieder öffne, steht Frau Wurgel am Kassenschalter und keift. Dann wummert sie mit dem Griff ihrer Krücke an das Panzerglas und fegt nebenbei einen Spendenkasten auf den Boden, er knirscht laut unter ihrem Stiefel. Die Frau hinter dem Schalter lächelt sie unentwegt herzlich an. Bemerkenswert. Fast schon übermenschlich.

Die Eisenbad - herzlich und ver! Ob da was dran ist?