Mr. Gibber lässt den Ruhm der kauzigsten Lehrer verblassen, denn Mr. Gibber hat einen veritablen Dachschaden. Wenn er seinen Schülern von der Arche erzählt, dann war sie natürlich ein Juggernaut, ein riesiges Weltenschiff, wie der Worldshaker. Und Noah hat nicht nur von jeder Tierart, sondern auch aus jeder Gesellschaftsklasse zwei Exemplare mit an Bord genommen!
Richard Harland hat den skurrilen Lehrer von Klasse 4a erschaffen, doch der “Gibbon” dient ihm im Worldshaker nur als Nebenfigur. Worldshaker, das ist einer von diesen Steampunk-Romanen, in denen alles irgendwie viktorianisch daherkommt. Mit Dampfkraft, aber weiterentwickelt, und überhaupt ganz anders als in Wirklichkeit. Worldshaker spielt nicht etwa in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, sondern 1995. Der Roman ist außerdem beruhigend zeitgenössisch konstruiert: Statt erst einmal Sinn, Zweck und Werdegang des Juggernauts abzuhandeln, wirft Harland seine Leser mitten ins Geschehen. Das monströse Gefährt lernen wir nebenher kennen, blicken dazu der Hauptperson über die Schulter. Eigentlich geht es ja auch gar nicht um das dampfbetriebene Schiff. Obwohl seine Bevölkerung der einer Kleinstadt entspricht, bildet es nur den – angenehm exotischen – Hintergrund für die rasante Entwicklung des Helden.
Colbert Porpentine heißt er, auch bekannt als Enkel des Oberbefehlshabers. Die Handlung macht sich sofort über ihn her, stellt seine heile Welt auf den Kopf und lässt ihn nicht mehr in Ruhe. Zu Beginn ist Col ein wohlbehüteter Sechzehnjähriger und aus unserer Sicht für sein Alter sehr naiv. Wie soll er es auch besser wissen? Er ist fest verankert in einer Lebensweise, die wir auf Anhieb als falsch empfinden. Seiner Umgebung dagegen sind solche Überlegungen vollständig fremd. Immerhin hat der junge Porpentine einige hilfreiche Eigenschaften: Er ist intelligent, neugierig und … pubertiert. Da kommt Riff genau richtig. Wild, anders und auch schon mal zum Küssen aufgelegt, was Col zuerst fast zu Tode erschreckt.
Riff ist eine von den “Dreckigen”, vertierte Kreaturen ohne Sprache, die in den unteren Regionen des Worldshaker hausen. Soweit Cols Kenntnisstand, denn über diese Wesen spricht man nicht. Halb reagiert er auf den ersten Kuss wie Lucy auf Snoopys Liebesbezeugung. Aber eben nur halb. Riff kann sehr wohl sprechen, sie sagt sogar Sachen, über die nachzudenken sich lohnt. Und sie ist hübsch! Der arme Kerl weiß nicht, was da über ihn gekommen ist. Sex existiert noch nicht als diskutierbarer Begriff, es gibt da allerdings etwas Primitives, womit Tiere auf unklare Weise noch mehr Tiere hervorbringen … Cols Schulkameraden sind ihm bei solchen Fragen keine Hilfe. Wenn Mr. Gibber in der Schule über Vermehrung spricht, schreit Klasse 4a unisono “Iiiih!” und Col ekelt sich mit. Liebe? Das ist ein Gefühl zwischen Enkel und Großmutter, wobei Col mit der seinigen besonderes Glück hat – Ebnolia ist lieb, sanft und zart.
Der physischen Enge auf jedem – auch dem gigantischsten – Schiff entsprechend, lebt Colbert eingezwängt zwischen der fürsorglichen Ebnolia, dem ehrfurchtgebietenden Großvater, einer Mutter, die überwiegend aus Zuständen besteht und seinem kaum in Erscheinung tretenden Vater. Es überrascht nicht, dass der Junge den Anweisungen seiner Familie gehorcht wie ein perfekt dressiertes Haustier: Was diese Menschen ihm sagen, kann nur gut und richtig sein. Die gesellschaftlichen Regeln, an die alle gebunden sind, geben ihm ein Gefühl der Sicherheit. Erst Riff zeigt ihm, dass seine Welt nicht die einzige und alles andere als gut ist. Natürlich glaubt er ihr nicht …
Wird es diesem sympathischen jungen Mann gelingen, sich aus dem Zwang der viktorianischen (Doppel)Moral herauszukämpfen? Sie wissen es längst: Worldshaker ist ein Jugendbuch. Vergessen Sie das wieder. Die Handlung ist so mitreißend, die Hin- und Hergerissenheit des Jungen so spannend, dass seine Nöte und Sehnsüchte zu denen des Lesers werden. Mit Col werden Sie auf Riff warten, wegen Col werden Sie mit den Zähnen knirschen, wenn Erziehung und Gewohnheit ihn vom Handeln abhalten. Lediglich die Idee eines über Land (!) fahrenden Juggernaut ist mir denn doch etwas weit hergeholt. Etwas unglaubwürdig auch, dass Cols Zimmer ein derart ungestörtes Refugium sein soll. Macht nichts: Worldshaker ist eine herrlich entspannende Lektüre, ich kann sie besonders für einen bis zwei Leseabende nach einer anstrengenden Spülschicht empfehlen. ;) Und damit wären wir beim einzig echten Kritikpunkt angelangt: Das Buch ist mit ein paar Happen verschlungen, es ist viel zu schnell ausgelesen. Doch dagegen gibt es Liberator – genau: Die Fortsetzung.
Mehr dazu: Auf clockworker.de finden Sie die Rezi eines Steampunk-Sachverständigen
Mr. Gibber lässt den Ruhm der kauzigsten Lehrer ((Zu finden z.B. in Die Feuerzangenbowle, Heinrich Spoerl. Oder in Professor Unrat, Heinrich Mann.)) verblassen, denn Mr. Gibber hat einen veritablen Dachschaden. Wenn er seinen Schülern von der Arche erzählt, dann war sie natürlich ein Juggernaut, ein riesiges Weltenschiff, wie der Worldshaker. Und Noah hat nicht nur von jeder Tierart, sondern auch aus jeder Gesellschaftsklasse zwei Exemplare mit an Bord genommen!
Richard Harland hat den skurrilen Lehrer von Klasse 4a erschaffen, doch der "Gibbon" dient ihm im Worldshaker nur als Nebenfigur. Worldshaker, das ist einer von diesen Steampunk-Romanen, in denen alles irgendwie viktorianisch ((Grob umrissen: Industrielle Revolution, wirtschaftlicher Aufschwung, Ausbau des Eisenbahnnetzes, Dampfschiffe. Aber auch Industriestädte mit Armenghettos, starre Gesellschaftsform, strenge Moral. Und ein ziemlich cooles Design. ;) )) daherkommt. Mit Dampfkraft, aber weiterentwickelt, und überhaupt ganz anders als in Wi