Eine Spülerin erzählt: Mein erstes Leben X

24. Juli 2010

(Lesen Sie auch Teil IX!) Die zweite Kurzpause war bisweilen kaum auszuhalten, aber sie läutete meist auch den ruhigsten Teil des Tages ein. Gegen drei Uhr gingen die Köche in ihre lange Freizeit zwischen den Teilschichten. Wir versetzten letzte Berge, manchmal auch Hügellandschaften, der Betrieb ließ spürbar nach. Küche eins war auf einmal recht gemütlich mit ein paar herumwerkelnden Küchenhilfen und Jungköchen, die auch mal miteinander schwatzen und das Radio laufen hatten. Zum zweiten, weniger intensiven Putzen von Küche 1 fegte ein Spüler um sie herum zusammen, was ihr Arbeitseifer auf dem Boden verteilt hatte. Der zweite nahm sich den Boden klassisch mit Lappen und Eimer vor,1 gefolgt wiederum vom ersten mit einem Abzieher.

Währenddessen machte Nummer drei die Spülküche sauber: Mit Hochdruck Wasser aus dem langen grünen Schlauch auf den Boden zischen lassen. Schrubben, abziehen, Senkschächte reinigen.2 Doch zuerst galt es, die Korbtransport-Maschine zu zerlegen. An ihrer meterlangen Flanke ließen sich große Edelstahlplatten hochschieben, dahinter wurden die Eingeweide sichtbar. Etliche Teile davon mussten in einer vorgeschriebenen Reihenfolge mal herausgezogen, mal ausgehakt, mal losgedreht und nach Zwischenlagerung im Besteckwagen einzeln gereinigt werden. Die Maschine selbst haben wir ebenfalls mit dem Schlauch traktiert. Beginnend beim Tisch mit dem Überbau, über den Einschiebtisch hinweg ins quadratische Maul und hinein in den stählernen Magen, endend beim Ausgabetisch. Der Schlauch war schwer und prall vor Druck, das Wasser sehr heiß, die Handhabung dieses Instrumentes bedurfte einiger Kraft und Übung. Ich habe diese Arbeit einmal alleine gemacht, zum Amüsement meiner stets nur dezent betröpfelten Kollegen triefte ich danach vor Nässe.

Zum Schluss brachten wir Speisereste, eventuelle Scherben,3 Restmüll und Wertstoffe mit dem Lastenaufzug in den Keller. Es folgte ein letzter Kontrollgang durch die Spülküche - alles ausgeschaltet, alle Geräte mit Reiniger und Klarspüler bestückt? Wenn der grüne Schlauch sich auf dem Halter verdreht hatte, beschimpften meine Kollegen den Schuldigen, meistens Martina, und sie musste ihn bändigen. Gegen halb vier oder vier war Feierabend. Ein Tschöh! in Küche eins und auf in die Umkleide. Schürze noch sauber? Wenn ja, samt Handschuhen im Spind verstauen, wenn nein, die Bänder mit dem Seemannsknoten versehen und in die Wäschetonne werfen. Umziehen war mir immer zu blöd. Spind zu, klapp durch die Tür und ab nach Hause, um dort die miefigen Klamotten loszuwerden und die Küchendünste vom Leib zu spülen.

Ende

  1. Ein Kollege hatte eine geniale Art entwickelt, den Eimer mit dem Schrubber ruckartig so durch die Gänge zu schieben, dass genau die zum Schrubben benötigte Menge überschwappte. []
  2. Yeah! Eine wahre Freude nach dem umständlichen Gefitschel damals in der eigenen Kneipe. []
  3. Wer Scherben erzeugt oder auch nur gefunden hatte, musste auf einer Bruchliste Zeit, Ort, Name, Gegenstand und Grund notieren. Alle Kollegen wachten mit Argusaugen darüber, dass der Eintrag erfolgte. []

Mehr Sprüche aus der heißen Küche

21. Juli 2010

… und andere, weniger temperaturintensive Begebenheiten

WM ist noch zugange, Küchenchef hat frei, wegen der Hitze ist wenig los. Totenstille, alle Köche und Lehrlinge sind verschwunden. Aber niemand hat sich zum Rauchen oder für sonstwas abgemeldet. Merkwürdig. Schließlich muss ich ein paar Gegenstände in einen fensterlosen Nebenraum bringen, dort sind alle bei geschätzt 45 Grad versammelt. Sie bemerken mich gar nicht. Sie haben einen Fußball.

Altgruftipunk (hat Feierabend): “Ich werf’ das Handtuch.”
Ablösung: “Ist ja genug Platz hier. Wirf’s ruhig hin wo du willst.”

Servicekraft kommt mit Stapel abgeräumter Teller angesprintet, sortiert Besteck, Geschirr und Essensreste rasend schnell auseinander, schnappt sich die dreckigen Teller und rennt damit zurück in Richtung Gastraum. Vollbremsung in der Küchentür, Kehrtwende. „Was tu ich denn da? Diese Hitze macht mich ganz dabbisch!“

Chef drückt sich in der Küche herum, wie immer im Anzug. Es sind mindestens 40 Grad.
Altgruftipunk: “Ab welcher Temperatur legen Sie eigentlich die Anzugjacke ab?”
Chef: “Niemals. Ich lasse mich von so einem bisschen Wetter nicht unterkriegen.” (Enthusiastisch) “Das ist allein eine Sache zwischen mir und … Gott!”

Mein neuer Kollege spült, ich küchenhelfe. Wir sind nur zu zweit, alle Köche haben Pause.
Altgruftipunk: “Machst Du bitte gleich die Toiletten fertig? Ich muss in der Küche bleiben, falls Essen bestellt werden.”
Kollege (quietscht vollkommen entsetzt): “Ich?!”

Eine Spülerin erzählt: Mein erstes Leben IX

19. Juli 2010

(Lesen Sie auch Teil VIII!) Tischdecken zusammenlegen! Die eine längs und mittig, die andere quer und gedrittelt, die gelben quadratischen halb auf halb, die blauen aber von den Seiten her in die Mitte geklappt. Die langen zu zweit über die ganze Länge der Wäscherei, Achtung, Zahl muss außen bleiben, hopp-hopp, zack-zack. Diese Tischdecken haben mich fast wahnsinnig gemacht. In der immerwährenden Hitze war mein Kopf spätestens nach drei Stunden zu keiner Denkleistung mehr fähig, stattdessen vollständig erfüllt vom Gerumpel der Maschinen. Wie falten wir die Nummer sieben, wenn sie blau ist? Weißnicht, bröööööh … Wir haben selbst die Schwammtücher gefaltet (mittig), lilafarbene für die Spülküche, grüne für die Toilettenanlagen. Nur an das Falten von Putzlappen, die dort mit Sicherheit auch gewaschen wurden, kann ich mich nicht erinnern. Aber ich weiß noch, wo das Schrankfach war, und dort lagen sie als gestapelte Quadrate (halb auf halb) …

Irgendwann war alles gewaschen, gemangelt, in der richtigen von dreißig logisch nicht begründbaren Varianten zusammengeklappt und verräumt. Dann musste ich den Trockner vom einer großen Faust Flusen befreien. Manchmal habe ich die Wäscherei auch gefegt und geputzt oder die Türen der Schränke abgewaschen. Danach ging es wieder in die Spülküche, wo wir noch einmal das wandlange Trumm anwarfen und neu entstandene Geschirrrberge versetzten. Immer rundherum, die Teller ziehen durch das Trumm. In der Nebensaison waren die Berge bisweilen zu mickrig für den großen stählernen Magen der Korbtransport-Spülmaschine. Dann sind wir mit Putzzeug in allen Winkeln des TT herumgekrochen, keine Fuge war vor uns sicher.

Wollte ich die zweite Kurzpause rauchfrei genießen, musste ich sie in der muffigen Frauenumkleide verbringen, denn nachmittags war die Wäscherei geschlossen. Wie diese grenzte das große, aber fensterlose Umkleidezimmer an den verqualmten Personalraum. Auf einem Stuhl hockend, las ich beim Summen der Lüftung die wie Verse aufgereihten Namen an den Spinden: Müller - Mahler - Meier - Bier / Denkert - Sellers - Schuster - Siehr.1 (Fortsetzung folgt. Der letzte Teil!)

  1. Alle diese Namen sind frei erfunden oder zumindest verfremdet (wie auch sonst so einiges) und haben allenfalls zufällig Ähnlichkeit mit denen lebender Personen in einem der äußerst zahlreichen, real existierenden Trierer Gastro-Imperien. []

Sprüche aus der heißen Küche …

17. Juli 2010

… und weniger temperaturintensive Begebenheiten

Die Küchentür ist defekt und steht daher offen. Prima Luftzug bei der Hitze, aber die Gerüche ziehen in die Gaststube und der Küchenchef darf seine Wutanfälle nicht ausleben – so geht das nicht. Der Chef hat erfolglos an der Elektronik gebastelt, nun kommt er mit einem Fachmann im Schlepptau.
Fachmann (späht ins offengelegte Innenleben): “Hm. Hmmm …?
Chef (fördert aus den Tiefen seines Anzugs ein nichtelektronisches Bauteil zutage): “Dafür habe ich keinen Platz mehr gefunden!”

Koch (empört): “Was ist das denn? Steht ma in der Küch’ rum, tut neist und schwitzt davon!”

Wir sind zu zweit und haben alles weggespült, warten in dumpfer Hitze auf den nächsten Wagen voller Geschirr. Mein Kollege holt sich eine Flasche Sprudel, doch der Inhalt ist ihm viel zu warm. Kein Problem. Wir wissen, wo die Eismaschine steht. Er schaufelt sich Eiswürfel in ein Glas, gießt Sprudel darüber und lehnt sich erschöpft an die Wand. Lässt das Eis im Glas rotieren, ich starre derweil an die Decke. Schwatzen oder überflüssige Bewegungen sind viel zu anstrengend.
Das Eis macht Pingpingpiling. Ping-piling. Pingpling. Ping … ing. Dann Stille. Ist mein Kollege binnen einer Minute im Stehen eingeschlafen? Nein, er schaut mit langem Gesicht in sein Glas: “Das Eis is weg!”

Eine der Servicekräfte ist Mitte dreißig und sehr nachlässig. Niemand arbeitet gern mit ihr im Team.
Altgruftipunk: “Viel zu heiß hier, um ständig hinter dir herzuräumen. Von nun an wirst du zur Ordnung erzogen!“
Servicekraft: “Das kommt sowas von zu spät!” (feixt)

Twitterfreunde retten Familie aus Großbrand!

13. Juli 2010

So könnte eine Boulevard-Zeitung die Wahrheit aufbauschen: Was an Reißerischem fehlt, wird mit leichter Hand ergänzt.1 Schnell aufgepoppt, schnell vergessen, wer brennt morgen? Mehr Leichen bei Abo!

Gar keine Leichen gibt es im Fall der Düsseldorfer Familie, deren Wohnung abgebrannt ist. Eltern, Kind und Haustiere sind den Umständen entsprechend wohlauf, ein Glück - aber alles andere ist weg. Auch das Heimbüro und damit fatalerweise der Arbeitsplatz der Mutter.2 Doch @botenstoff hat einen Twitter-Account und ist im Texttreff eingebunden, einem Netzwerk mit hunderten von Berufsgenossinnen im virtuellen Großraumbüro. Via Twitter verbreiten die Texterinnen derzeit Meldungen über ihre umfassende Hilfsaktion für die kleine Familie.

Selbst ich mache mit, habe ein paar Stunden lang an diesem Text gefeilt und dann etwas Geld zusammengekratzt3 und überwiesen. (Die Texteingabe beim Online-Banking akzeptiert das Ausrufungszeichen des Kennwortes nicht. Einfach weglassen.) Fast bilde ich mir ein, @botenstoff zu kennen, dabei bin ich bisher nicht ihr, sondern zwei ihrer Quasi-Kolleginnen gefolgt. Überwältigt von der Tatkraft dieser Netzwerkerinnen beobachte ich, wie sie die Möglichkeiten der 140-Zeichen-Kommunikation anwenden. Via klassisches Weitersagen sind früher oder später alle abgeklappert, über Twitters Followerlisten dagegen gelangt der Notruf zu viel mehr Menschen als nur dem üblichen Freundes- und Bekanntenkreis.

Wer hat schon die Zeit, sich in Düsseldorf auf die Straße zu stellen und Passanten anzusprechen: Hallo, Sie haben doch sicher von dem Brand am Kirchplatz gehört … oder gar ähnliche Aktionen in anderen Städten zu organisieren, zum Beispiel in Trier. Twitter kann das, wir tun es.4 Unsere Tweets liefern den Zugriff auf Fakten mit, die redundant und überzeugend die Echtheit des Düsseldorfer Unglückfalls beweisen. Sie finden einen solchen Bericht auf der Spendenwebsite Abgebrannt! Wir helfen. mit weiteren Links. Ähnliche Informationen bringen die Beiträge von Texttreff und Textsektor-Blog. Update: Ein weiterer Blickwinkel und die erste Spendenbilanz von Texterella.

Ein Wort zu randlichen Aspekten.5 Via Twitter erschließt sich eine ganz neue Möglichkeit des unmittelbaren Kontakts zu den Betroffenen. Hallo, die sind ja richtig echt - jeder kann sie über den Twitternamen etwas fragen (oder das freundlicherweise sein lassen). Blogger können sich mit einem schlauen Beitrag und vielen Links zum Thema hervortun.6 Kommentatoren können ihre Betroffenheit virtuell ablegen statt in Form von Blumen und Kerzen. Oder aber mit heuchlerischen Mitleidsbekundungen die eigene Unversehrtheit feiern, Beleidigungen hinterlassen, Häme verbreiten. Letzteres eine lästige, doch immerhin harmlose Begleiterscheinung.

Noch etwas. Diese Hilfsaktion wird sich herumsprechen. Sie könnte auch das Interesse der Medien wecken, zumal die WM vorbei ist und das Wetter nicht mehr lange Hetzereien gegen Züge mit Klimaanlagen rechtfertigt. Dabei wäre selbst eine ernsthaft mit Twitterfreunde retten Familie aus Großbrand! übertitelte Reportage von Nutzen. Sie würde den Weg der Hilfe durch Twitter bekanntmachen, und nur wer ihn kennt, kann ihn gehen - als Helfer oder Hilfsbedürftiger. Doch leider werden durch das Bekanntwerden auch die Geier auf den Plan gerufen. Diejenigen, die selber nichts zustande bringen und davon leben, anderen Stücke aus der Existenz zu hacken. Ich hoffe, die Gier und die meist kurzen Gedanken solcher Leute werden ihre Versuche vereiteln, in betrügerischer Absicht Notrufe zu fingieren und damit ein geniales Helfernetzwerk zu beschädigen.

  1. Hier angewendet, um Leser und damit potenzielle Spender anzulocken. []
  2. Update: Nicht nur die Mutter ist betroffen, beide Elternteile waren Freiberufler mit EDV-Heimarbeitsplatz und haben ihre vollständige Ausstattung verloren. Und die Wohnung war nicht gemietet, sondern frisch erworbenes Eigentum. []
  3. Ein meinem Lohn entsprechend mickriger Betrag und auch noch ein sehr krummer, damit der verbleibende Rest wenigstens rund ist. Kleine Macke.- Update: Spendenstand am Mittag des 15.07.: 14.101,15 €. Da mein Betrag auf ,08 endete, krümmen also auch andere. ;) []
  4. Wir sind Twitter. []
  5. Die mir durch den stets schreibwütigen Kopf geistern und unbedingt formuliert sein wollen. []
  6. Selbstkritik! Ich blogg’s trotzdem. []

In Trier bitte Helme tragen

12. Juli 2010

Wetterkarte dwd.de 12. Juli 2010

“Tornados möglich” meldet der Deutsche Wetterdienst.
Obige Grafik ist nur ein Screenshot. Das Original, die Warnkarte, wird ständig aktualisiert.

Wünsche und Visionen

11. Juli 2010

Ich wünsche mir ein Notebook, das wie die Miele über zwanzig Jahre hält und niemals zu wenig Speicherplatz oder zu langsame Prozessoren oder veraltete Software hat. Erst im Jahr 2035 wird es an zerbröselndem Plastikmaterial zugrunde gehen, weil der 2006 verwendete Werkstoff den Temperaturschwankungen im Kniestock nicht mehr gewachsen ist.

Mit Veranda wohnen. Drumherum Ruhe und ein Garten, der mich zu körperlicher Betätigung zwingt und mir etwas vorwächst. Mit ausreichend Fläche für eine autarke Energieversorgung, Solar, Wind oder die Erfindung der Zukunft. Sie sichert mir einen Nebenerwerb, vielleicht ziehe ich mit dem LEobil1 über Land und tausche bei meinen Stromkunden leere Speichermodule gegen aufgeladene aus.

Zwei Wochen lang nur an der Homepage arbeiten. Drei Wochen! Zwölf Stunden am Tag und mehr, bei vernünftigen Temperaturen, ohne nachbarliche Lärm- und Gestankattacken. Frei von Geldsorgen und Verpflichtungen mit XHTML und CSS und Sprache werken. Neues lernen, Vergessenes wiederentdecken.

Kurzgeschichten schreiben, für Wettbewerbe. Die zu Tode gekürzte “Spülmädchen”-Geschichte wieder heil und rund machen. Das Blog beliefern, meine Leserschar unterhalten, das Kommentieren wieder vereinfachen. Die Schatzfahrt markttauglich machen, die Vorgeschichte dazu schreiben, ein ganz anderes Buchprojekt beginnen. Schreiben, schreiben, schreiben. Bedingungen siehe vorherigen Absatz.

Die Altglasflut in der Dachkammer eindämmen. Ungeheure Massen von Flaschen und leeren Gläsern in portable Haufen verpacken, abtransportieren und in die farblich passenden Container hineinklirren. Gurke, Senf, Sojawürstchen, klirr-klirr-klirr. Wein, Sekt, Piccolo, klirr-klirr-plenk. Dicke Pulle Bier, klier.

Verspüren auch Sie mitunter die Neigung, Ihre Wünsche und Visionen schriftlich festzuhalten? Psst: Mogeln Sie eine/n dazwischen, den oder die Sie durch Aufraffen und Organisieren recht einfach selbst bewältigen können. (Hier: Das Altglas. Das Überarbeiten. Das Schreiben.) Und vielleicht die eine oder andere Bedingung, die sich durch Abwarten ganz von selber einstellen wird. (Hier: Der Herbst.) Das ist zwar nur ein Trick, aber er sorgt dafür, dass Sie hinter manchen Punkt Ihrer Liste ein sehr befriedigendes Häkchen setzen können.

  1. Das Leo-Elektro-Mobil. Mit viel Stauraum und ein paar Leopardenflecken drauf. []

Eine Spülerin erzählt: Mein erstes Leben VIII

8. Juli 2010

(Lesen Sie auch Teil VII!) Die Arbeit in der Wäscherei bestand nicht nur aus Sortieren, Waschen, Trocknen und Mangeln. Bis auf die Servietten wurde jedes Wäschestück auf eine bestimmte Art gefaltet, in einem Regal zwischengestapelt und dann in genau markierte Schrankfächer und Wagenabteile verräumt. Die Handtücher und Schürzen der Köche und Küchenhilfen legten wir in Mini-Spinde im Personalraum. Jeder dieser Artikel war mit einer Nummer versehen, die ab und an mit Edding nachgemalt werden musste. Auch die grüngestreiften Latzschürzen der Spülküche waren so markiert, denn jedem wurde bei Antritt der Stelle eine Nummer zugeordnet und er war fortan selbst für den Verbleib seiner Wäsche verantwortlich.1

Für die Schürzenbänder hatte die Wäschemeisterin einen Seemannsknoten umfunktioniert. Auch im derzeitigen Betrieb wäre mir der nützlich, denn was fünf Schürzen nach dem Rotieren in den Trommeln von Waschmaschine und Trockner erschaffen können, erinnert an eine zwar lösbare, aber zeitaufwendig mehrdimensionale Variante des gordischen Knotens. Doch ich bekomme die hilfreich bändigende Verschlingung ums Verrecken nicht mehr hin.2 Die Schürzen mussten später natürlich wieder aufgeknotet werden, was der Übung bedurfte, und dann wie die Handtücher so gefaltet werden, dass die Nummer sichtbar blieb.

Am schlimmsten (wenn auch nicht so zahlreich wie die Servietten) waren die Tischtücher. Es gab blaue und gelbe, mit den bereits erwähnten eingestickten Nummern. Durch die Mangel kamen sie in gefühlt dreißig verschiedenen Größen auf mich zugekrochen, jede mit ihrer eigenen Faltvorschrift. Die saunaartige Luft der Wäscherei, das monotone Geschwurbel der Maschinen, und dann sollte ich - wie immer im Höchsttempo - all die verschiedenen Faltungen auswendig vornehmen. Aufschreiben durfte ich mir nichts, nach zwei Wochen Schicht ohne Wäscherei hatte ich alles wieder vergesen. Es war auch nur ein Minijob. Oder lag es am Alter, dass ich durch häufiges Nachfragen bisweilen den Unmut der Wäschemeisterin erregte? (Lesen Sie auch Teil IX!)

  1. Neue Aushilfen sprachen bisweilen sehr schlecht Deutsch. Nicht selten nahm sich ein Neuzugang ahnungslos und ordentlich eine Schürze vom Haken und wurde von einem gereizten Spüler (dem die Erklärzeit später beim Kücheputzen oder an der Topfmaschine fehlte) attackiert: “Das ist die Hundert, gib die her und nimm dir deine eigene Schürze. Nein, doch nicht die, das ist die Hundertfünf und die gehört Sabine. Sabiiine, jetzt hol’ schon endlich deine Schürze, du Tranfunzel. Selber Arschloch. - He, Mann, kannst du nicht lesen? Welche Nummer bist du denn? Deine Num-mer, nicht dein Al-ter! Na gut, da haste die Hundertsieben, der Wolfgang hat heut frei, der faule Hund. Aber morgen holst du dir deine eigene … was? Mir ist wurscht, wie alt du bist! Aah, diese Neuen machen mich noch wahnsinnig! Komm jetzt mit, zack-zack! Kösche eins potzän!” []
  2. Eventuell war es ein abgewandelter Palstek, aber ohne Poller. :; []

Mericomb 0.5 mg

7. Juli 2010

Anfang Mai habe ich einen neuerlichen Sarkoidose-Schub befürchtet, die Röntgenaufnahme vom 18. Mai sprach allerdings dagegen. Bevor die Symptome sich so stark verschlimmert haben, hatte ich bereits an einen Östrogen-Überschuss gedacht und einen Termin beim Frauenarzt vereinbart - vielleicht vertrug ich das Hormonersatzpräparat1 nicht mehr (Mericomb 1 mg). Leider musste ich auf diesen Termin drei Monate warten, bis gestern nämlich (06. Juli).

Akut war meine Missbefindlichkeit aber bereits im Mai, und eine Bitte um Vorziehen des Termin hätte doch wieder Tage gedauert, dann Blutwerte und Warten auf’s Laborergebnis … nein. Nachdem die Sarkoidose ausgeschlossen war, habe ich umgehend die Mericomb-Dosis halbiert. Jeden Abend zersäbelte ich eine Tablette und nahm nur eine Hälfte ein. Binnen einer Woche ging es mir wieder gut - was bei mir eben “gut” heißt. Prächtig, gegenüber vorher.

Bereits vor Senkung der Dosis war erstmals seit der Einnahme von Mericomb die leidige Frauerei vollständig ausgefallen. Nun tagt sie schon wieder, wo es mich doch erst vor kurzem so umgehauen hat. Alles durcheinander, aber das war zu erwarten. Die Frauenärztin hat sich über meine Selbsthilfe überhaupt nicht gewundert. Sie meinte dazu nur, ich solle bei dieser Dosierung bleiben. Könne sein, dass die Eierstöcke vorübergehend wieder aktiv geworden seien. Igitt? :^^:

  1. Gegen vorzeitige Wechseljahre []

Kabel Deutschland nervt …!

6. Juli 2010

Diese Leute treiben mich noch in den Wahnsinn. Ich weiß nicht, wie vielen Mitarbeitern des größten deutschen Kabelnetzbetreibers ich inzwischen erklärt habe, dass meine Kniestockwohnung keinen solchen Anschluss besitzt. Was soll ich auch damit, ich hasse Fernsehen. Mindestens sieben Mal hatte ich so einen Kabelmann vor der Tür stehen, immer wieder einen anderen. Wieso gibt es keinen für das Viertel Zuständigen, der sich auskennt?1 Hat Kabel Deutschland einen hohen Mitarbeiter-Schwund?

Der letzte Vertreter hat mich mit besorgter Miene aufgefordert, ich solle doch mal nach meinem Fernsehbild schauen. Es könne sein, dass bei meinem Anschluss der Empfang gestört sei. Ha ha, schön blamiert, du Kabelhonk. (Ich besitze natürlich kein Fernsehgerät.) Heute nach dem Arbeiten habe ich schon wieder einen Zettel mit dem Logo dieses Unternehmens im Briefkasten gefunden. Auf dem Rand stand, ich solle mich wegen - na was wohl - melden. Wutentbrannt bin ich zu meiner Vermieterin gerannt, die mir erzählte, diesmal seien gleich zwei Kabelmänner im Haus gewesen und sie habe das schon längstens satt. Sie hat mir empfohlen, den Zettel zu zerreißen und in den Müll zu tun, welchen Rat ich umgehend befolgte. Ich durfte sogar ihren Papierkorb benutzen.

Fertigen die Mitarbeiter von Kabel Deutschland keine Protokolle an? Haben sie keine Unterlagen zu ihren Anschlüssen? Dieses Haus hat sieben Wohnungen und im Keller fünf Anschlüsse. Logisch, dass zwei Mietparteien keinen Anschluss haben, und eine davon bin ich. Mindestens drei Kabelmännern habe ich bereits jeden Winkel des Kniestocks vorgeführt, obwohl ich dazu nicht verpflichtet bin. Die Idee dahinter war, danach ein für alle Mal Ruhe zu haben. Genutzt hat es nichts. Sobald dem jeweiligen Mitarbeiter klargeworden ist, dass bei mir unterm Dach nicht nur kein Fernseher steht, sondern nicht einmal die klassische Sitzecke dafür existiert,2 ist er mehr oder weniger verdutzt und/oder kleinlaut abgezogen. Doch offenbar hat es keiner von ihnen weitergesagt.

Laut der von Kabel Schland Entsandten sind die Anschlüsse im Keller unbeschriftet. Es muss wohl sehr schwierig sein, die beiden tatsächlich genutzten3 zu erkennen und zu markieren. Ich glaube, den nächsten Mitarbeiter behalte ich einfach da und sperre ihn bei Wasser und Brot dort unten ein, damit er sich ausgiebig mit Deutschlands Kabeln beschäftigen kann. Meine Vermieterin hat sicher nicht dagegen.

Hm. Womöglich sind schon andere Genervte auf dieselbe Idee gekommen. Vielleicht hat Kabel Deutschland tatsächlich einen hohen Mitarbeiter-Schwund …?

  1. Wie bei den Schornsteinfegern []
  2. Ich hasse nicht nur Fernsehen, sondern auch, würg, Couchgarnituren mit passendem Couchtisch. []
  3. Und auch ordnungsgemäß bezahlten []

Spülerin spült kühler weiter

4. Juli 2010

Liebe Fans und Fansinnen,1

die Spülerin wird die Erzählungen aus ihrem Leben fortsetzen, sobald die monströse Hitze sich gelegt hat. Die Erlebnisse beim Trierer Touristenmagnet dürften noch zwei Beiträge füllen.

Für alle, die neu hinzugekommen sind und wissen möchten, worum es geht: Eine Spülerin erzählt: Mein erstes Leben I (Teil eins von bisher sieben). Viel Spaß beim Lesen!

  1. Gröl! - Kleiner Scherz bei großer Hitze. []

Ein grässlicher Tag

2. Juli 2010

Eigentlich hatte ich gedacht, nach der leichten Reduzierung der wöchentlichen Arbeitsstunden (und der damit verbundenen, ganz erheblichen solchen des Lohnes) nie wieder fünf Spülschichten in Folge erleben zu müssen. O-Ton Chef: “Auf sowas achte ich nicht.” Hinterher wundert man sich über die eigenen Irrtümer.

Die Serie von Arbeitstagen, beginnend mit einem extralangen Samstag, endend mit dem sogenannten “Horrormittwoch”,1 diese Serie hat mir durchaus gereicht, um mit dem Leben derzeit nicht ganz so zufrieden zu sein.2 Aber sie muss auch noch ausgerechnet mit der schlimmsten Horrorhitze des Jahres zusammenfallen.

Ich hasse Sommerhitze. Hier im schlecht bis überhaupt nicht isolierten Kniestock sinkt die Temperatur seit Tagen nicht mehr unter 30 Grad. Ja, ich kenne alle Tricks. Nein, sie nutzen wenig bis nichts. Prima Sache, unter solchen Bedingungen eine Hardcore-Schichtfolge absolvieren zu müssen. Und als ob das noch nicht genug wäre, ist mir heute, an meinem freien Tag, schon seit dem Morgen-Espresso schlecht. Vielleicht aus Vorfreude, die sich eigenwilligerweise in Bauchschmerzen, Übelkeit und eiligen Klobesuchen niederschlägt.3

Tja, ich war soweit bedient, was den heutigen und die folgenden Tage betrifft. Und nun komm’ mir keiner damit, dass ich mir ja auch hätte ein Bein brechen oder tot sein können und dass das doch viel schlimmer wäre, nicht wahr?, denn ich habe mir nun einmal kein Bein gebrochen, mit dem ich gemütlich im mit Sicherheit sehr viel kühleren Krankenhaus liegen könnte, und auch der Kelch der vielen Schichten ohne ausreichend Erholung und Schlaf will mehr tot als lebendig bis zur Neige ausgekostet werden. Also halt’ schon endlich die Klappe, du überhebliche, naseweise, dämliche innere Stimme!

Ich war also bereits bedient, als ich wie jedes Jahr die ***zensiert*** Sommerhitze genutzt habe, um mein uraltes, aber sehr bequemes Daunenkissen zu waschen. Dieses Kissen hat den Juni des Jahres 2010 dazu auserwählt, die brüchigen Stellen seiner Nähte aufzugeben und fürderhin nicht mehr zu unterstützen. Es ist an mehreren Stellen aufgeplatzt und hat alle seine vieltausend minifitzeligen Federn in die Obhut der Waschtrommel übergeben. (Ja, ich habe eine Bettfedern-Allergie.)

Am liebsten würde ich mich jetzt ins Futon legen und mir die Decke über den Kopf ziehen. Aber das geht nicht, denn selbst für meine dünne Sommer-Seidendecke ist es viel zu heiß. Und außerdem muss ich dauernd aufs Klo.

  1. Früh 1,5 Stunden Bodenpflege, eine einzige Hetzerei, da anders nicht zu schaffen. Sofort im Anschluss 7 Stunden Spülschicht. Jeden einzelnen Mittwoch passiert irgend etwas, das die Schicht besonders anstrengend macht. []
  2. Meine Homepage muss bis 25. Juli überarbeitet sein. Die verhunzte Spülmädchen-Geschichte harrt der Überarbeitung. Der nächste Schreibwettbewerb rückt näher. Das Blog ist völlig eingestaubt. Die Wohnung … das Schattengrün … hihi haha. []
  3. Vielleicht ist mir der Honig nicht bekommen, mit dem ich im Schattengrün den Espresso süße. []

Eine Spülerin erzählt: Mein erstes Leben VII

24. Juni 2010

(Lesen Sie auch Teil VI!) In der Wäscherei liefen jeden Tag zwei Waschmaschinen und ein Trockner. Sie bewältigten Tischdecken, Servietten, Schürzen, Handtücher, Topfgreifer und Schwammtücher. Einer der Waschautomaten war ein gewerbliches Gerät, mit silbrig schimmerndem Edelstahlgehäuse. Er schleuderte mit unvergleichlichen 18001 Umdrehungen und seine Frontverkleidung war unvollständig, sodass ich den beim Schleudern wie irrsinnig wackelnden Innenteil bestaunen konnte.

Nach der Runde im Trockner mussten etliche Wäschesorten durch die Heißmangel gejagt werden. Das Verb ist berechtigt, denn wie alles im Trierer Touristenmagnet wurde auch diese Mangel mit rasender Geschwindigkeit gehandhabt. Das dumpf vor sich hinrumpelnde Monstrum war gasbetrieben, zum Glück bin ich nicht mehr in den Genuss einer sommerlichen Wäschereischicht gekommen. Meine erste Aufgabe war, auf dem breiten Tisch vor der Walze Servietten aufeinanderzustapeln.

Mein Gegenüber legte sie an drei Stellen auf, immer zwei Stück, ich brauchte sie nach zwei Umdrehungen nur abzusammeln. Doch die Wäschemeisterin lieferte sie so schnell nach, dass ich mit Seitwärtsschritten hin- und herspringen musste, um mit dem Abklauben nachzukommen. War ich zu langsam, schnippte sie mir die Stoffquadrate mit zunehmender Gereiztheit entgegen, das Ganze ähnelte durchaus einem Wettstreit. Auch mein Rücken freute sich, denn um an die Rolle zu kommen, musste ich mich über den Tisch beugen.

Nach einigen Wochen durfte ich die Mangel selbst füttern, doch auch das Beliefern war kein Kinderspiel. Anfangs schwitzte ich an der Walze, während die Wäschemeisterin vor dem Tisch ungeduldig mit dem Fuß tapste. Soviel zur Rache. Der Stoff musste glattgezogen werden, sonst presste die Mangel Falten hinein. Je nach Art durfte ich ihn aber nicht zu straff gespannt einlegen, denn sonst bekamen die Tischdecken “Ohren”. Und für das Falten derselben war wichtig, dass die Ecke mit der eingestickten Nummer vorne rechts herauskam. Vom Auffinden einer einzelnen Tischdecke in einem Riesenhaufen halbtrockener Wäsche und dem eiligen Zurechtlegen für die Walze unter gleichzeitiger Beachtung einer Ton-in-Ton eingestickten kleinen Zahl mal ganz abgesehen.

Was die Mangel einmal erwischt hatte, ging unvermeidlich hindurch. Oder aber rundherum, wenn kein Aufsatz daraufgesteckt war, dessen metallene Arme den Stoff abstreiften. Die Walze pflegte ihre Rotation schon auf das leiseste Antippen hin zu stoppen, eine prompt reagierende Sicherheitsvorrichtung. Bloß nicht an die Walze kommen beim Einlegen eines Wäschestücks! Soviel auch zum Am-Schlips-in-die-Mangel-gezogen-Werden. Die zweite Art des Notstopps ging über eine Fußstange. Es gelang mir, trotz aller Hektik nicht versehentlich daraufzutreten. (Lesen Sie auch Teil VIII!)

  1. Oder so, hab’s leider vergessen. []

Mal eben zum Kopierladen

18. Juni 2010

Lange im selben Stadtviertel zu wohnen ist angenehm. Alle Wege und viele Menschen sind vertraut, das sorgt für ein Gefühl der Sicherheit. Meine Stadt ist Trier, dieses handliche randwestliche Großstädtchen, gut verzahnt mit Nachbarland Luxemburg. Das Viertel heißt Paulin, “lange” steht für mehr als ein Jahrzehnt. Wenn ich hier mal auf der Straße umfalle, wird mich vielleicht jemand zuordnen können, in der Fußgängerzone wäre das wesentlich schwieriger.

Lange im selben Stadtviertel zu wohnen kann auch betrüblich sein. Denn eine Stadt ändert sich ständig, auch im vertrauten Viertel. Irgendwann war das Eckhaus gegenüber der Kneipe Schwach & Sinn weiträumig von einem Bauzaun umgeben. Das musste etwas Größeres werden, dabei sah das Gebäude doch gepflegt aus. Erst dachte ich, das Haus werde von Grund auf saniert. Dann war es auf einmal entkernt, und nun ist es vollständig verschwunden.

War das notwendig? Gepflegt erscheinende Gebäude können ein Fall für die Abrissbirne sein. Ich weiß nicht, ob das bei diesem Haus der Fall war, ich weiß nur, dass es sich sich harmonisch ins Bild eingefügt hat. Wo sich Maximin- und Thebäerstraße treffen, schaute es gemeinsam mit zwei anderen Altbauten auf die Kreuzung, die dadurch ein wenig wie ein offener Platz wirkte. Wie alle beherbergte es Gewerbe im Erdgeschoss.1 Auch bei ihm war die Gebäudeecke zur Kreuzung hin nicht rechtwinklig ausgeführt, sondern wie bei der Kneipe schräg abgeschnitten und mit einer Eingangstür versehen.

Erst heute morgen auf dem Weg zum Kopierladen ist mir aufgegangen, dass diese Szenerie nun auf immer verloren ist. Drei alte Gebäude, die einander über die Kreuzung hinweg anschauten und über den Köpfen der Passanten Bemerkungen auszutauschen schienen. Als ich noch Gastwirtin war, habe ich wegen des vierten Hauses recherchiert. Ich wollte wissen, ob es ursprünglich ebenfalls einen solchen Eingang auf der Ecke gehabt hatte. Das war nicht der Fall, es war zwar eine Gaststätte gewesen, also wie die anderen in Parterre gewerblich genutzt, doch schon damals zurückversetzt mit Vorgarten.

Wir werden sehen, ob sich das neue Gebäude zum Plausch einfindet oder ob2 irgend ein “moderner” Klotz ohne Gespür für die benachbarte Architektur zwischen die Jahrhundertwendehäuser geklatscht wird.3 Über die exorbitant hohen Mietpreise in diesem kleinen Städtchen habe ich mich schon des Öfteren mokiert. Ich bin bei weitem nicht die Erste, der diese Entwicklung aufgefallen ist. In der Maximinstraße ist in einem einst lauschigen Hinterhof4 ein neues Haus entstanden. Den Leuten im Balthasar-Neumann-Viertel wird der Bolzplatz im harmonischen Geviert mit einem Block Luxus-Eigentumswohnungen bebaut. Drüben im Maarviertel geht Ähnliches vor sich.

Denen, die in diese Gebäude einziehen, ist das gleichgültig. Die wenigsten kennen den ursprünglichen Zustand des Viertels, vermutlich schert kaum jemanden, was durch sein neues Heim zerstört worden ist. Wohnen mitten in der Stadt, mit Parkplatzgarantie und Luxemburgnähe, was will mensch mehr? Es ist nun einmal schwierig, in Trier eine geeignete Wohnung zu finden. Ich vermute, das neue Gebäude Ecke Maximin- und Thebäerstraße wird sich überhaupt nicht einfügen. Aber warum bin ich schon jetzt bekümmert? Vielleicht hat sich ja doch jemand mehr dabei gedacht, als möglichst viele Apartments unterzubringen. Schließlich gibt es auch bereichernde Veränderungen … wer kichert hier im Off?

  1. Urspünglich war der Laden im Parterre an den PC-Doc vermietet, dann an eine Fahrschule, die nach einer angekündigten Renovierung nicht wiedergekommen ist. Gegenüber ist noch immer eine Reinigung. []
  2. wie so häufig in Trier []
  3. Kennen Sie das Trumm zwischen Thebäerstraße und Steingröver Weg? []
  4. Ich weiß das, ich habe dort Zeitungen ausgetragen []

Eine Spülerin erzählt: Mein erstes Leben VI

17. Juni 2010

(Lesen Sie auch Teil V!) Während der vierte Spüler ans Telefon sprang, mit Geschirrwagen manövrierte und Besteck polierte, stand Nummer eins weiterhin an der Topfmaschine, denn um zehn kamen die Köche und sorgten für Nachschub. Hatten Nummer zwei und drei den Vorabendberg mittels Durchschubmaschine abgebaut, gab es eine kurze Pause für die Raucher, vom Betrieb geduldet. Ich hockte derweil in der Wäscherei.

Dann ging es weiter, für mich oft mit “oben saubermachen”: Täglich wurden der Personalraum,1 die Umkleiden und die Personaltoiletten gereinigt. Es gab etliche andere wiederkehrende “Nebenarbeiten”, die zumeist im wöchentlichen Turnus zu erledigen waren - den Boden des Materiallagers wischen, Türen aller Art abwaschen oder die Fensterfront von Küche eins. Die kleinen Vorräume von Lastenaufzug und Gefrierräumen in Ordnung bringen, Regale und Wände der Spülküche säubern und so weiter.

Mein nettester Auftrag war, mit einer Bürste von Hand die Stufen und Seitenwände einer Treppe zu schrubben. Sie führte zu einem der Gasträume und ihr weißer Stein nahm trotz des täglichen Putzens mit der Zeit einen immer dunkler dräuenden Ton an. Nett war das zum einen, weil es dort schön ruhig war. Zum andern, weil immer mal wieder jemand vorbeigeschaut und ausgiebig die bereits bearbeiteten und verblüffend hell erstrahlenden Stufen bewundert hat - vermutlich, um mich bei der Stange zu halten. ;)

Diese Nebenarbeiten fanden statt, während wir Geschirr für den zweiten Durchgang an der Spülmaschine sammelten. Nur in der Hauptsaison blieb uns keine Zeit dazu. Im Dezember standen wir auch schon mal zu sechst in der Spülküche, todunglückliche Azubis inclusive. Trotz eigenem Hausmeister war das Gastro-Imperium so weitläufig, dass fast täglich auch einer der Spüler woanders helfen musste, und sei es nur beim Herausstellen der verschiedenen Mülltonnen. Nach der Mittagspause benötigte oft die Wäscherei Hilfe, wieder eine ganz eigene Geschichte. (Lesen Sie auch Teil VII!)

  1. Er war stark verqualmt, denn fast alle Küchenhilfen und Köche - ausgerechnet! - waren Raucher. Zwar durfte ich die Pausen in der Wäscherei verbringen, doch sie lag nebenan und die Verbindungstür wurde nur für mich geschlossen - immerhin! Trotzdem hat nach meinem Dafürhalten diese Passivrauchbelastung mein “Spülschichtkopfweh” ausgelöst, das sich gegen Ende dauerhaft etabliert hat und nach meiner Kündigung wieder verschwunden ist. []

Eine Spülerin erzählt: Mein erstes Leben V

14. Juni 2010

(Lesen Sie auch Teil IV!) Der vierte Spüler war auch für das Telefon zuständig, über das die Gasträume ihren Bedarf anzufordern pflegten. Dieses Kommunikationsgerät wechselte nach einem einleitenden Klingeln auf eine so nervtötende Ruftonfrequenz, dass schleunigst hinrannte, wer nur irgend konnte. (Nummer vier war nicht immer anwesend.) War das keifende Gerät zum Schweigen gebracht, musste der Retter der kollegialen Nerven den Hörer langziehen und sich die Order auf der Galerie durchgeben lassen - in der Spülküche herrschte ein gewaltiger Lärm.

Bei meinem ersten derartigen Telefonat haspelte mir jemand ins Ohr Wir brauchen halbe Suppen zwei Dessert drei Essteller zehn Wannen paar Eimer auf keinen Fall Besteck und Tassen Tassen Tassen für die Tufa danke klick. Als Neue wusste ich weder, was zum Teufel mit “die Tufa”1 gemeint war, noch hatte ich mir mehr als Tassen, kein Besteck, halbe Suppen und drei Essteller merken können. Drei Teller und eine halbe Suppe hieß: drei hüfthohe Stapel bzw. die Hälfte davon im Geschirrwagen. Mit der Zeit war ich imstande, eine solche Bestellung fehlerfrei und ohne Rückruf auf einen Servierwagen zu packen, indem ich ihre Komponenten beständig vor mich hinmurmelte.

Wer das Geschirr für die Maschine sortierte, kümmerte sich meist auch um das Besteck. In einem kleinen Topfwagen mit Ablauf lag in Wasser und Spülmittel der Betriebsbedarf seit Schichtende des Vortages. Die trübe Brühe wurde abgelassen und der Inhalt des Wagens mit mehreren Eimern klarem Wasser überschüttet, damit kein Geschirrspülmittel in die große Maschine gelangen konnte. Dann musste Handvoll um Handvoll in die Körbe der Spülmaschine umgeräumt werden, meist waren es mehr als zehn, ein Geklirr sondergleichen. Nach dem Lauf durch die Maschine trug der Spüler am rechten Ende, sozusagen der Output-Manager, die frischgefönten Behälter zur Spüle mit den zwei Becken. Das rechte hatte der Spüler an der Topfmaschine bis dahin blankpoliert zu haben, dort wurden sie in heißem Wasser mit einem (1) Tropfen Spülmittel versenkt.

Besteckpolierer war der vierte Spüler. Wenn später der Betrieb losging, musste der allerdings öfter mal losziehen und Geschirr und Besteck aus den verschiedenen Gasträumen herankarren und dafür frisches zurückbringen. Halbe Suppen und so.2 Kam er mit dem Besteck nicht nach, wurde der Inhalt der Körbe in saubere Wannen umgeschüttet, damit nicht zu viele dieser Einsätze an der Maschine fehlten. Bei meinem ersten Tag am Besteck haben sich viele bunte Wannen neben mir gestapelt, und gegen Ende schmerzten meine Hände, denn Polieren ist eine anstrengende Arbeit. Bei den langjährigen Spülern von TT klang Gabelpolieren wie Tschak-Tschak-Tschak-Tschak, TT-Spüler plus Kaffeelöffel ergab Tektektektektek. (Lesen Sie Teil VI!)

  1. Tagelang haben mich diese “Tassen für die Tufa” verwirrt - ich arbeitete doch im TT, wieso musste ich eine Tassensorte mit bestimmtem Muster für die Tufa in eine Extrawanne stapeln? Hatte deren Spülmaschine eine Tassenphobie? - Scherz beiseite, es war wohl kaum ernsthaft Triers ehemalige Tuchfabrik und jetztiges Kulturzentrum gemeint. Leider verstand niemand meine Frage, wo die Bezeichnung “die Tufa” denn herstamme. Erst als ich den Gastraum namens “Tuferklause” zum ersten Mal putzen musste und den Namenszug an der Eingangstür las, wurde mir klar, dass die ganze Zeit von der “Tufer” die Rede war - man spricht hier in der Gegend kein “r”. []
  2. Nur Megateller wurden nicht durchs Gastro-Imperium gejagt, vermutlich waren sie zu mega dazu. []

Eine Spülerin erzählt: Mein erstes Leben IV

11. Juni 2010

(Lesen Sie auch Teil III!) Die Korbtransport-Spülmaschine. Sie wurde mit vier Schaltern angeworfen und musste sich über eine halbe Stunde lang auf die erforderliche Betriebstemperatur aufheizen. Sie durfte keinesfalls mit Geschirrspülmittel in Kontakt kommen. Sie war laut. Über ihre Befindlichkeit informierte sie auf einem Display. Die quadratischen Plastikkörbe zog sie in sich hinein und schob sie nach rechts, wo das Geschirr schließlich auf dem Ausgabetisch wieder auftauchte - glühend heiß. Zu Feierabend wurde sie ausgeweidet und akribisch gereinigt.

Alle Neuen standen zuerst rechts und mussten den Inhalt der Körbe umpacken. Für die verschiedenen Geschirrsorten standen hinter dem Spüler auf einem weiteren Zweimetertisch bis zu neun Wannen bereit. Nach Muster, Form oder Größe getrennt wurden dort Tassen, Untertassen, Kännchen, Schalen etc. hineingestellt. Unter dem Tisch harrten zwei der beidseitig befüllbaren Tellerwagen, in einer Ecke der, auf dem ausschließlich die Salatteller gestapelt werden durften. Die Gitterbox nahm alles auf, was nicht in Wannen gepackt wurde: Holzbrettchen, Plastikflaschen, Auflaufformen … Neben ihr warteten ein bis zwei Megatellerwagen.

Alles Edelstählerne musste abgetrocknet werden, alle Tassen umgedreht, alle Kännchen inspiziert, jeder Teller kontrolliert. Geschirr mit anhaftenden Resten sollte möglichst sofort zum Spüler am Eingabetisch gebracht werden, denn diese Reste versteinerten schnell. All das hielt auf. Wer zu langsam war, dem zwängte das Förderband die unerbittlich nachrückenden Körbe untrennbar auf dem Ausgabetisch zusammen. Dann fluchte vorn der Spüler, weil es bei ihm nicht weiterging. Diese Leute hatten den Ehrgeiz, einen Geschirrberg in einer bestimmten Zeit abgearbeitet zu haben, auf verwirrte Neue nahmen sie dabei wenig Rücksicht.

Die Arbeit ließ sich zu dritt bewältigen. War aber - wie meistens - ein vierter Spüler da, räumte er gefüllte Wannen vom Tisch auf einen Servierwagen, mit dem sie über die verschiedenen Aufzüge in die Gasträume verschickt wurden. Er brachte gestressten Neuen die salattellernde Besonderheit oder einen geleerten Megatellerwagen und ersparte ihnen damit Wege. Die Megateller1 selbst räumte er in vorgeschriebener Reihenfolge in die Wärmeschränke der verschiedenen Posten2 von Küche 1. Überzählige Exemplare wurden im beidseitig zugänglichen Schrank unter dem Annoncentisch3 gestapelt. (Lesen Sie Teil V!)

  1. Laut Vorschrift durften nur drei dieser schweren Platten auf einmal gehoben werden. []
  2. Arbeitsbereich eines Kochs / einer Küchenhilfe []
  3. Bei TT ein drei Meter langer Edelstahltisch mit Überbau. Unten die Teller und anderer Bedarf, auf dem Überbau Cloches, Serviertabletts und Deko-Material wie Zitronenscheiben, gehackte Kräuter und vieles mehr. Alle fertigen Essen wurden auf dem Annoncentisch abgestellt, dekoriert, zugedeckt, mit Hilfe von Serviertabletts gestapelt und via Tellertaxi (Synonym für armer Schüler oder Student) oder vom Küchenchef selbst in die verschiedenen Gasträume verschickt. Eine Freude, als unerfahrene Spülerin mit dem Megatellerwagen in diesem Tumult herumzueiern! Oder aber mit einem Geschirrwagen den Moment abzupassen, in dem man den unteren Teil des Speiseaufzugs mit den vom Gastraum eins dringend verlangten Tellern bestücken durfte. []

Eine Spülerin erzählt: Mein erstes Leben III

7. Juni 2010

(Lesen Sie auch Teil II!) Kösche eins potzän! Noch heute höre ich den Kollegen diesen Morgenbefehl schnarren. Der Mann hat sich durchaus auch selbst abkommandiert, er meinte es nicht böse, es klang aber so. Traten wir zu viert die Schicht an, marschierten zwei Leute folgsam in Küche 1, während Nummer drei und vier mit Hilfe von Spüle und Topfmaschine den Küchenbedarf bewältigten. Einer vom Küchenkommando ging die Gasträume putzen, sobald das Gröbste getan war. Der zweite machte Küche 1 fertig, bei Bedarf auch Küche 2. Dann sortierte er1 in der Spülküche das andere Geschirr - das von den Gästen benutzte.

Es stapelte sich auf mehreren Geschirrwagen, die mitunter kaum ein Durchkommen ermöglichten. Einer davon war für die besonderen Teller von Küche zwei bestimmt, ein gut halbquadratmetergroßes Gefährt mit merkwürdigen Stalagmiten als Stützen. Zwei ähnelten vorn offenen Konsolen, gesichert mit einer Metallstange. Dort kam die größte Esstellersorte hinein, betriebsintern als “Megateller” bezeichnete, schwere Porzellanplatten. Das dritte Modell nahm alle anderen Teller auf. Es sah aus wie eine von zwei Seiten beschickbare Version des verlinkten Beispiels

Der Betrieb besaß eine kleine Herde dieser Wagen, in jedem Gastraum stand einer hinter der Theke. Weitere hatten ihren Platz in der Spülküche. Im Laufe einer Schicht tauschten wir sie mehrfach gegeneinander aus, schickten sie je nach Herkunft mit dem Speiseaufzug in Küche 1 oder fuhren im Lasten- oder im Personenaufzug mit ihnen durch die Weite des Gastro-Imperiums. Nur einer durfte die Reise niemals antreten, er diente ausschließlich der Aufnahme und dem Verräumen der Salatteller.2 Morgens standen alle in der Spülküche, die Hälfte befüllt, stets nur mit Tellern, versteht sich. Alles, was nicht Teller war, ruhte in bunten Plastikkisten in den Fächern eines mannshohen Gitterwagens. Diese “Wannen” türmten sich in der Hauptsaison auch am Boden, sie enthielten unter anderem Tassen aller Art, Untertassen, Auflaufformen, edelstählerne Schalen in mehreren Größen, Edelstahlkännchen, Eisbecher, Suppenschalen, Holzbretter und Eisdosen.

Geschirrwagen- und Wanneninhalt musste von Nummer zwei fertig vorsortiert sein, wenn Nummer eins des Küchen-Kommandos vom Gastraumputzen zurückkam. Dann arbeiteten die beiden an der großen Geschirrspülmaschine weiter. Dieses Monstrum, eine sogenannte Korbtransport-Spülmaschine, habe ich zuerst gar nicht als Maschine erkannt. Es war schlicht zu groß und jenseits meiner Erfahrung, deshalb sah ich nur eine Reihe von Edelstahl - Schränken. Wollen Sie meinen Arbeitsplatz genauer beschrieben haben? Denken Sie sich den niedrigen Einschiebtisch auf der linken Seite auf wenig mehr als einen halben Meter verkürzt. Der Rest knickt im rechten Winkel ab und wird nach einem Meter um einen nochmals rechtwinklig abzweigenden, gut zwei Meter langen Tisch mit Überbau erweitert.

Mein Arbeitsplatz war dort allerdings erst nach fünf Monaten Minijob. Die Maschine lief in drei Geschwindigkeiten, wir hatten immer die mittlere eingestellt. Sie bedurfte geübter Leute, die flink die Körbe bestückten, damit das gewaltige Gerät keinen Leerlauf hatte. Das Förderband lief immer, die verschiedenen Bereiche waren bis hin zum Trocknergebläse im Dauerbetrieb. Vorgespült wurde nichts, diese Maschine wurde mit allem fertig. - Beim Sortieren hatte jede Geschirrsorte ihren festen Platz. Entweder auf dem Tisch mit Überbau: Megateller - Essteller - Salat - Dessert - Suppe - Auflauf, davor Schalen, Saucieren und Kleinkram. Oder in Wannen, die um den Arbeitsplatz des Spülers herum am Boden aufgestapelt waren. Für eine zu geringe Geschirrmenge (z. B. das Doppelte eines sehr gut bestückten Großfamilien-Haushalts nach Großmutters Diamantener) schalteten wir die Maschine gar nicht erst ein. (Lesen Sie Teil IV!)

  1. Oder sie, mit 50prozentiger Wahrscheinlichkeit []
  2. Den Grund habe ich nie herausgefunden. []

Eine Spülerin erzählt: Mein erstes Leben II

2. Juni 2010

(Lesen Sie auch Teil I!) Nach den Putzarbeiten ging es in die Spülküche, wo sich seit sieben Uhr ein bis zwei Kolleginnen und Kollegen mit den “Topfwagen” beschäftigten. Es gab vier dieser fahrbaren Geschirrwagen, im Gegensatz zu dem auf der Abbildung ohne Deckel, dafür über einen Meter lang. Morgens waren alle vier vollgestopft mit dem Küchenbedarf vom Vorabend, der Rest türmte sich auf Schwerlastregal und Boden.

“Küchenbedarf” meint nicht etwa das von den Gästen benutzte Geschirr. Er umfasst vielmehr alles, was eine Schar Küchenkünstler benötigt, die zu saisonalen Stoßzeiten schon mal über zehn Mann/Frau stark sein konnte: Gewaltige Töpfe, dutzende von Einsätzen für die Bainmaries,1 armlange Edelstahlwannen von flach bis sehr tief, ihre halb so großen Äquivalente, Eimer aus massivem Plastik, in denen sich ein Kindergartenkind hätte verstecken können. Meist füllten wir einen davon zwecks Erleichterung des Transports mit normal dimensionierten Kellen, Schöpflöffeln und Teigschabern.

Es gab natürlich auch stapelweise normale Eimer von 5 und 10 Litern, unzählige Serveirtabletts, Berge von Cloches in Plastik- und Edelstahlausführung.2 Des weiteren Salatwannen, groß wie Säuglingsbäder, bis zu 1,50 Meter lange Schneidbretter aus schwerem rotem Plastikmaterial. Schüsseln von riesig bis klein, zwei oder drei kinderhohe Schöpflöffel und Schneebesen. Sehr viel mehr Quirle von vertrauten Ausmaßen. Edelstählernes Zubehör für Herd und Bainmaries, merkwürdig geformt und in einem eigenen Wagen jeden Morgen an denselben Platz zu schieben. Wenige Pfannen, überhaupt keine Küchenmesser, viereckige Plastikförmchen in allen Spielarten von weiß.

Zwei der mit zu spülendem Küchenbedarf beladenen Wagen standen morgens meist noch in Küche 1. Der Grund war schlicht und einfach Platzmangel, denn in der geräumigen Spülküche warteten morgens zu unserer Begrüßung noch etliche andere Geschirrwagen. Nur beim lauen Betrieb zu Jahresbeginn war für alle genug Platz. All diese Geschirrberge spülten zwei Leute. Einer arbeitet an einer Spüle mit zwei sehr tiefen Becken, der andere an der Topfmaschine. Die Dimensionen dieses Gerätes hätten alternativ auch das Unterbringen einer Matratze erlaubt.

Abgetrocknet wurde mit grünen Schwammtüchern,3 der an der Topfmaschine trocknete und räumte auch für den an der Spüle. Das saubere Küchenzubehör kam in die mit Hochdruck ausgespritzen und getrockneten Topfwagen zurück. Über die Galerie schoben wir die schweren Gefährte zurück bis vor das Materiallager in Küche eins. Dort wurde alles in etlichen Regalen verstaut, natürlich jedes Ding am vorgeschriebenen Platz, denn sonnst war es auf Wochen verschollen. Gegen zehn Uhr musste alles fertig sein, denn dann kamen die Köche und wollten ihren Kram haben. (Lesen Sie Teil III!)

  1. Warmhaltegeräte für Soßen und Suppen []
  2. Deckel, die das Essen auf dem Weg zum Gast warmhalten []
  3. Andere Farben wurden ausschließlich für die Toiletten benutzt und auch getrennt gewaschen []

Eine Spülerin erzählt: Mein erstes Leben I

31. Mai 2010

Im ersten Leben als Spülerin war ich genaugenommen eine Hauswirtschafterin. Für’s Weblog benötigt mein damaliger Arbeitgeber eine Tarnkappe, ich nenne ihn kurzerhand “Trierer Touristenmagnet” (TT) und lasse ihn von moselabwärts zu all unseren Sehenswürdigkeiten zurückblicken.

Der TT besitzt zwei Küchen, er ist innen viel weitläufiger, als er von außen aussieht. Bei meinem Vorstellungsgespräch war mir das nicht aufgefallen - vornedran war Außengastronomie, der Chef empfing mich im Nebenabteil des Gastraums, ansonsten vermutete ich dort nur noch Küche, Toiletten und Lager. Es gab aber drei weitere Gasträume (einen davon habe ich nie gesehen), außerdem zusätzliche Außengastronomien und Etliches mehr. Ein heimliches Gastro-Imperium, wer weiß, wie weit seine Wurzeln reichen …!

Am ersten Arbeitstag bin ich hinter einem Kollegen hergetappt, hinein durch einen Nebeneingang, über einen sehr schmalen Gang, eine Treppe hinauf, durch eine sehr schmale Tür in die Küche, durch eine andere Tür wieder hinaus (von dieser Küche gingen sieben Türen ab), noch mehr Treppen hinauf bis in den Personalraum, von dem die Frauenumkleide abzweigte. Die Spülküche lag auf derselben Etage wie die große Küche, war aber vollständig von ihr getrennt und nur über eine Galerie zu erreichen.

Zu den verschiedenen Gasträumen gelangten wir mal über einen Personenaufzug mit Alternative Treppenhaus, mal über den Lastenaufzug, der der vier Ebenen bediente. Mittags ging es via Wäscherei in den Personalraum. Sehr verwirrend das alles, zumal ich weder von all diesen Räumen wusste, noch ihre internen Bezeichnungen kannte. Zu Feierabend habe ich an diesem ersten Tag nicht wieder hinausgefunden und musste eine Küchenhilfe fragen. Mehrere Tage lang bekam ich bei jeder Andeutung von Stillstand zu hören “Na, haste dich wieder verlaufen?”

Morgens um sieben hieß es bei TT “Angetreten! Küche 1 putzen!” Putzen bezog sich bei den Küchen auf den Boden, für “obenrum” waren die Köche und ihre Helferscharen zuständig. Außerdem säuberten wir noch den Speisenaufzug. Es galt schnell zu sein, sonst maulten die Kollegen. Vier Eimer Wasser mit Putzmittel waren in drei langen Gängen und ihren beiden Verbindungen zu verteilen. Man konnte nach Herzenslust schwappen, musste allenfalls auf die eigenen Füße achten, denn alle Küchengeräte waren am Boden mit Edelstahl verblendet und mit Silikonfugen abgedichtet. Sehr praktisch.

Nach dem Fluten kam Schrubben, Abziehen, Trockenwischen. Drei Arbeitsgänge, ein Spüler voran, der andere hinterher. Dann Säubern der großen Abfluss-Schächte1 im Boden. Danach war entweder die Reinigung der Gasträume samt Toilettenanlagen angesagt, oder je nach Bedarf das Putzen der kaum halb so großen Küche 2. Gastraumputzen war mein persönlicher Nicht-Favorit. Ich arbeitete mich zu gründlich und daher langsam über die weitläufigen Flächen, die Stühle standen lästigerweise stets auf dem Boden, und morgens vor acht Uhr fremder Leute Klos schrubben ist auch nicht ganz mein Ding. Erst wenn auch das erledigt war, ging es in die Spülküche. (Lesen Sie Teil II!)

  1. ”Abflussschächte” liest sich wie Schweizerdeutsch - Abflusss-Chächte []

Buh!

21. Mai 2010

Ein Haus der Größe “Wochenend”, viel Land dabei und keine allzu nahen Nachbarn. Manchmal glaube ich fest daran: Nach einem Jahr Eremitendaseins wird sich mein Gesundheitszustand dramatisch gebessert haben. Vermutlich wäre ich längst abgewandert, bestünde da nicht das Problem der Mobilität: Ein Domizil auf dem Land, Arbeitsplatz & Ärzte etc in der Stadt - wie das zusammenbringen?

Kauf’ Dir’n Traktor lautet der Ratschlag meines selten liebevollen Gefährten. Er glaubt, mein defektes optisches System komme mit einem Vehikel von maximal 40 km/h Geschwindigkeit spielend klar. Trekker fahr’n, yeah.1 Alternativ könnte ich im Lotto gewinnen, aber das hatten wir ja schon.

Ach, das taugt doch alles nichts. Am besten suche ich mir Arbeit in der Umgebung des Wohnsitzes. Als Wegweiser vielleicht, oder als Karnickelschreck. Buh!

Am nächsten Morgen: Oh. Zweitausendfünfhundert Quadratmeter Wiese hätte ich mähen müssen. Hanglage. Es war früh am Morgen, noch etwas zuviel Tau, und ich wusste nicht, ob ich einen Rasenmäher besitze. Über diesem Problem bin ich wiesenfrei auf dem Futon erwacht. Schade, es war schön dort, und Lust auf die Arbeit hatte ich auch. Aber auf Dauer … man mäht ja nicht nur einmal als Besitzerin eines “Wochenend” mit viel Land dabei. Mehr so alle zwei Wochen, bis weit in den Herbst. Offenbar hat mein Unterbewusstsein mir eins auf’s Dach geben wollen, ermüdet vom ewigen Häuschen-Geschwätz. Na warte, du Schlawiner!

  1. ”Wo ist denn Mohicain? Lang nicht mehr gesehen!” - “Fumm Tregga iwwafah.” []

Ein grässlicher Morgen

18. Mai 2010

Mir geht es nicht gut. Mehrere Körperbereiche sind außer Funktion oder streiken, es macht mir ziemlich zu schaffen, man sieht es mir nicht an, es ist viel zu diffus, um eine Krankmeldung zu rechtfertigen. Trotz Bettruhe ab 23 Uhr und Schlafen bis um acht bin ich nicht erholt. Das Leben bietet mir heute morgen Unwohlsein im fortgeschrittenen Stadium, eine Spülschicht und keine Ungestörtheit in der Wohnung. Ich bleibe noch eine Stunde liegen, die Schicht beginnt sowieso erst um elf.

Um neun sitzt Mohicain in der Küche. Wieso ist er schon wach? Mir ist das zuviel, aber ich stecke kurz den Kopf durch die Tür und ringe mir ein Lächeln ab. Es stinkt wie die Pest, denn Mohicain hat gestern erhebliche Mengen von seiner Mutter Knoblauchhühnchen mitgebracht und aufgegessen, ein Gericht, das mit 40 Knoblauchzehen im Backofen zubereitet wird. Mir war gestern schlecht und schon das Wort “Hühnchen” hat dafür gesorgt, dass mir noch übler wurde, es klingt so gekocht. Habe nichts davon angerührt.

Genau wie Mohicain stinkt auch das Bad seit gestern abend. Das liegt an der Fertigdusche und kommt bisweilen vor, wenn das Wetter umschlägt. Aber nicht oft genug, um mir verlässliche Vorhersagen und damit einen einträglichen Nebenerwerb zu ermöglichen, etwa als Wendy mit der Wetterdusche. Habe abends zur Geruchsbekämpfung Wasser in den Ablauf der Duschwanne gegossen und die Tür zum Lüften offenstehen lassen, doch offenbar hat Mohicain sie nachts wieder zugemacht. Der riecht ja nichts, so wie er selber dünstet. Vielleicht schlägt auch Mohicain um.

Jetzt ein Espresso, auf in die Küche. Seufz. Ich habe Mohicain erst eine Million Mal gesagt, dass ich morgens meine Ruhe haben will, nach so wenigen Hinweisen muss er das nicht wissen. Er wendet sich zu mir um, starrt mich penetrant an, hallo huhu. Mohicain ist ein Morgenmuffel, der sonst so früh am Tag allenfalls knurrt, ausgerechnet heute hat er seinen kontaktfreudigen Morgen. Er will wissen, wo die Mülltüten sind. Muss das denn gerade jetzt sein. Warum sind Männer so dämlich? Alle Tüten in diesem Haushalt sind an derselben Stelle versammelt. Immer. Seit Jahren. Von Beginn an. Später gesteht mir Mohicain, die ihm wohlbekannte übliche Stelle habe er vergessen und in einer Mini-Schublade gesucht, die für eine Rolle Müllbeutel sichtbarlich zu flach ist. Argh.

Espresso mahle ich kontemplativ von Hand. Das ist jetzt nicht möglich, denn Mohicain sitzt noch immer in der Küche. Er hat nichts zu tun und beäugt hochinteressiert jeden meiner Handgriffe. Es stinkt zum Erbrechen. Ich stelle das kleine Gaubenfenster auf Kipp und bitte Mohicain, mich doch um Himmelswillen zu ignorieren. Eine Million plus eins, heureka, er verzieht sich. Ich reiße das Blechfenster der Dachkammer auf, setze mich mit der Mühle auf dem Schemel im Flur. Dort im Luftzug ist der penetrante Odeur eines die Poren durchwandernden Knoblauchgerichts halbwegs erträglich. Beim Einfüllen des duftenden Espressomahlguts fällt mir der Himmel auf den Kopf und es liegt am Boden. Nur der Espresso, weder Kanne noch Kaffeemaß noch Kaffeedose.

Keine Ahnung, wie das passiert ist, vielleicht ein Mini-Schwindel, zu flach für eine Ohnmacht. Ich jaule vor Wut, dann kocht der Jähzorn hoch und ich feure die unschuldige Mühle in die Spüle. Das ist das Ergebnis großer Selbstbeherrschung, seinerzeit hätte ich sie mit Schmackes an die Wand gepfeffert und einen Two-in-one - Defekt erzielt. (Immerhin effizient.) Ich stelle den verdammten Espresso auf und gehe weg. In der Schreibstube hocke ich vor dem hochfahrenden Notebook. Die Küche ist seit vorgestern gesaugt. Ich hasse Küchesaugen. Ich hasse Staubsaugen überhaupt, ich tue es nur alle neun bis dreizehn Wochen. Und jetzt liegen über drei Quadratmeter verteilt winzige Espressobohnenkörnchen auf dem frischgesaugten Boden.

Als ich mit dem Besen in die Küche komme, brodelt der Espresso schon in der Kanne, die Herdplatte war zu hoch eingestellt. Zu schwach ist er auch. Und die Mühle ist in der Spüle in drei Teile zerfallen, von denen eins fehlt. Mohicain kommt des Weges, ich beauftrage ihn, nach dem Deckel der Mühle zu suchen. Er will mich trösten, doch sein Geruch schlägt mich in die Flucht. Also sucht er nach dem Plastikstück und findet es auf dem Hängeschrank. In zwei Metern Höhe? Ich staune. Schmackes und so! Grandiose Idee, überhaupt dort oben nachzusehen. Naja, meint Mohicain verschmitzt, überall sonst habe er ja schon gesucht. Wir lachen los. Einige Körperbereiche erinnern sich an ihre Funktion und nehmen sie wieder auf. Endlich geht es mir besser.

Memo: Entwicklung von Symptomen - akute Sarkoidose im Anmarsch?

11. Mai 2010

[Vorgeschichte: Akute Sarkoidose im Juli 2007 vom Hausarzt diagnostiziert, ohne Medikation ausgeheilt nach Aufgabe der Stelle als Gastwirtin im Kneipenkollektiv. Befund “geheilt” im Februar 2008.]
Februar 2010: Untersuchung beim Lungenfacharzt, alles in Ordnung. Muss erstmals erst in zwölf statt in sechs Monaten wiederkommen
Mitte März: Nehme Vollzeitstelle als Küchenhilfe an. Bin dort schon seit Ende Oktober 2009 Minijob-Spülhilfe. Hatte den Lungenfacharzt bei der ersten Stelle als Spülhilfe gefragt, ob mir die Spüldämpfe und verqualmten Personalräume dort schaden könnten. Nein, meinte der Arzt, auf Dauer schade das Spülen allenfalls den Bronchien. Habe trotzdem wegen Dauerkopfweh kündigen müssen, nach fünf Monaten (Dez 2008 - April 2009).
Ende März: Empfinde die Vollzeit zunehmend als superb anstrengend. Die Hiobsbotschaft von Mohicains Sturz schockiert mich nachhaltig. Bitte den Chef erst um Reduzierung der Wochenstunden. Dann um Rückkehr zur Spüle statt Küchenarbeit, als ich erkenne, dass ich diese Aufgabe nicht bewältigen kann. (Die Samstage sind extrem stressig, da kann ich zu meinem eigenen Schrecken nicht mithalten.) Beides wird mir umgehend gewährt. Halte das Versagen im Stress nicht für Krankheit.
Mitte April: Habe das Gefühl, eben im letzten Moment die Notbremse gezogen zu haben. Fühle mich allmählich etwas besser, arbeite ganz langsam - weil ich oft alleine an der Spüle stehe, wegen Personalmangel. Denke mir: Muss mich nicht entleiben, wenn ich die Arbeit für zwei zu bewältigen habe.
Anfang Mai: Es wäre dumm, sich zu entleiben, denn dann gibt es nie wieder Hilfe. Das war meine Ausrede vor mir selbst, denn auf einmal wird mir klar, dass ich gar nicht mehr schneller arbeiten kann. Merkwürdiges Gefühl. Bin ich angeschlagener als gedacht? Aber ich bin doch fit, stemme problemlos Lasten, laufe mühelos Treppen, halte 9 Stunden Schicht durch und gehe danach noch im Sturmschritt einkaufen …
So, 09. Mai: Bekomme drei Ladungen Passivrauch ab - Schwaden ziehen in die Frauenumkleide, die ich gerade reinige, vor der Küche rauchen trotz meiner wiederholten Bitten zweimal kurz hintereinander die Lehrlinge. Danach haben sie ein Einsehen und gehen ins Freie, trotzdem die ganze Schicht über Kopfweh. Huste etwas. Dort qualmen öfter mal Leute (die sich vor dem Chef verstecken), es stinkt, hat mir bisher aber noch nie so geschadet. Habe aufgrund meiner Krankheitsgeschichte immer wieder gebeten, dort nicht zu rauchen.
Mo, 10. Mai: Der Husten ist wieder da. Lunge fühlt sich seltsam an, wie innen roh. Ist irgendwie eingeklemmt. Bin erschöpft, wie gerädert beim Beginn einer Grippe. Sieben Stunden Spülschicht, anfangs fällt es mir schwer. Doch es ist nicht so viel Betrieb und niemand raucht vor der Küche, nach dem Arbeiten geht es mir ganz gut. Daheim hänge ich etwas schwächlich/ratlos herum.
Di, 11. Mai: Morgens o.k., Termin beim Hausarzt Montag um acht. Nachmittags gemütlich mit Mohicain einkaufen. Danach stärkerer Druck auf die Lunge. Etwas Kopfweh. Wieder Gefühl wie vor schwerer Grippe: Augen verquollen, Hals scheint anzuschwillen, Gelenke schwach/schmerzen etwas, Knochen nicht in Ordnung. Bewegung im Freien tut immer gut, gehe in strömendem Regen zum Nebenjob. Die Luft ist sehr angenehm, doch ich bekomme nicht genug davon. Keuche nach zwei Stockwerken, Atemnot, etwas gaga im Kopf. Sage die Bodenpflege ab und gehe nach Hause. 37,2 Grad Fieber, obwohl ich nichts davon bemerke und nur zur Überprüfung gemessen habe. Man sieht mir nichts davon an.
Ich kann diesen Beitrag tippen, ohne Pause. Erythema nodosum fehlt. Lymphknoten nicht geschwollen.

Nachtrag: Sarkoidose war es nicht. Mehr dazu

Messer, Gabel, Kaffeelöffel

10. Mai 2010

Yoho, meine Lieben, hier ist nicht viel los zur Zeit. Altgruftipunk spült sich den Horst und kommt nur zwischen Feierabend und Futon noch auf Ideen. Das sind bloß drei Stunden, und für die Niederschrift und Nachbearbeitung fehlt mir dann die Kraft. Nur heute, beim Polieren der ersten Runde Besteck, da musste ich (Altgruftipunk) an das Wochenendhaus denken. Flache Messer hierhin, runde Messer dahin, dieses Wochenendhaus gibt’s gar nicht. Da klebt Ei am Messer, aussortieren. Das ist nämlich das ideale Häuschen für mich, das ich mir von einem Lottogewinn kaufen würde. Da kommt eine Servicekraft angestürmt. Latte-Löffel? Klar, hab’ welche vorrätig. Servicekraft rauscht mit fünfundzwanzig langstieligen Löffeln davon. Ein Lottogewinn muss das sein, trotz Kleinst-Immobilie, denn die steht ja dann auf viel Land auf dem Land und ich kann nicht fahren und brauche einen Mobilservice.

Menno, können die Gabeln sich verheddern. Alle gezinkt! Vielleicht stell’ ich Mohicain als Fahrer ein. Aber wenn der mal nicht kann, den Fuß kaputt hat oder (wahrscheinlicher) den Helm verbogen, da brauche ich noch jemanden. Uh je, sind das viele Gabeln. Runde zu runden, eckige zu eckigen. Kling, kling, klong, Paul fällt vom Balkong.1 Momentchen, ein Koch braucht ‘nen Eimer. Bittesehr. Das Problem ist eigentlich nur das Haus, denn so wie ich das will, hat’s bestimmt noch keiner wo hingebaut. Sie wissen schon, mit Veranda, Kachelofen, Solar. Und den Garten bitte nicht zu Tode angelegt. Wie meinen? Noch einen Deckel für den Eimer? Der Lottogewinn sei doch wohl eher das Problem? Kannschonsein. Bittesehr. Koch zweifelt die Deckelgröße an. Behält unrecht. Naja, ist noch Azubi. Aber Lotto - oje, jetzt kommen die Kaffeelöffel, die sind eine Plage. Muss die erst mal in handliche Häufchen sortieren.

Ja, Lottogewinn ist unwahrscheinlich. Sortier, sortier, habe mehr Häufchen als Platz dafür. Schon wieder ein Koch. Wer Lotto spielt, steht zu lesen, der kauft sich einen Traum. Der sei aber nichts wert, man solle man das Geld doch lieber anlegen. Tut mir leid, Koch, ich habe keine Suppenlöffel. Sowas, kein einziger Löffel in der Küche. Das klüger als in Lotto investierte Geld summiere sich wahnsinnig in 20 Jahren. Koch trinkt frustriert sein Süppchen aus der Tasse. Soso, summieren soll’s sich. Wenn ich daran denke, investiere ich achteurofünfzig für acht Wochen Glücksspiel. Summiert sich in zwei Jahrzehnten auf rund 1500 Euro.2 Wahnsinn. Messer, Gabeln und Kaffeelöffel sind’s mehr bei acht Stunden Schicht. (Jedenfalls samstags.) Eher ist es eine Ecke weniger StattLotto-Geld, denn ich spiele auch schon mal zwei Monate nicht und ab und an gewinnt mein Los zwei Euro oder fünf.

Verdummich, jetzt habe ich den Berg Besteck poliert und währenddessen hat sich ein neuer angesammelt. Was mir das Los wirklich bringt, ist tatsächlich ein Traum. Und weiter im Text, flache Messer hierhin. Noch sieben Stunden Schicht, runde Messer dorthin. Mindestens 50 deutsche Lottomillionäre entstehen im Jahr, es besteht die winzigste aller winzigsten Chancen, dass auch mir ein beträchtliches Vermögen beschert wird. Hoffentlich nicht, das gibt nur Ärger. Weil das sowieso alles ungeheuer unwahrscheinlich ist - Heureka, da sind mindestens fünfzig Suppenlöffel! - also, da kann ich mir ebensogut ausmalen, genau ausreichend viel Geld zu gewinnen. Das ist nicht so stressig und überfordert mich nicht beim Träumen. Außerdem hilft es (das Träumen) mir, fünfmal die Woche acht Stunden Spülschicht durchzustehen. Und deswegen kaufe ich öfter mal ein Los.

  1. Sic! - Achso, wer Paul ist? Na das ist der wo immer vom Balkong fällt! []
  2. Ich erspare mir und Ihnen die Berechnung der mickrigen Zinsen. []

Ungenutzte Kreativität

5. Mai 2010

Müde bin ich und das ist deshalb schlecht, weil es mit Konzentrationsmangel und Intelligenzschwund einherzugehen pflegt. Müde labere ich Unsinn. Andererseits schreiben eine Menge Leute hellwach und ausgeruht noch viel größeren Mist. Das ist natürlich keine Rechtfertigung dafür, meiner Leserinnen und Leser Zeit zu verschwenden. Andererseits sind die treuen Fans dieses Weblogs selbstredend durchweg vernünftig und somit in der Lage, ihr Zeit-Management auf die Reihe zu bekommen. Zweimal “andererseits” führt zum Ausgangspunkt zurück, also labere ich jetzt Unsinn. Juchei.

Es war einmal vor gefühlt hundert Jahren oder gezählt kaum zwei Monaten, da bastelte ich mehrere Blogeinträge pro Woche. Außerdem erfreute ich meine Timeline mit so erlesenen wie überflüssigen Tweets, schrieb diverse Kurzgeschichten und arbeitete an einem Schmöker namens Die Schatzfahrt. Derzeit sind diese Aktivitäten fast zum Erliegen gekommen. Es fehlt mir an Kraft und Zeit, beides verbrauche ich am Arbeitsplatz. Wie aber ist es um die Kreativität bestellt, was wird aus ihr? Umhüllt mich beständig ein feiner Nebel ungenutzter Schaffenskraft, der in der Luft um mich herum kondensiert? Schwitze ich deshalb beim Spülen, wenn anderen kalt ist?