Kurztexte mag ich nicht sonderlich. Kaum hat die Geschichte angefangen, schon ist sie vorbei. Doch im Dezember 2010 ergab sich, dass ich mein von Natur aus schiefes Gerippe sechsmal in Folge zum meistbesuchten Arzt der Stadt expedieren musste. Therapie auch genannt.
Selbige manifestierte sich in Form von Stahlnadeln in meinem Rücken und verlieh dem bereits vorhandenen Schmerz eine neue Dimension. Zu dieser erquicklichen Folter schien mir die jüngst erschienene Anthologie aus dem Low-Verlag hervorragend zu passen. Im Wartezimmer begann ich zu lesen …

Die Sammlung heißt Die Klabauterkatze, sie bietet siebzehn Geschichten von fünfzehn Autor/inn/en. Auf Seite 120, nach fünf Horrorstories, nahm ich erstmals wieder bewusst die Umgebung wahr. Mir fiel auf, dass sich die Besetzung des Wartezimmers vollständig geändert hatte. Zwei Stunden waren vergangen – mich dünkt, Shortstories sind eine ideale Arztpraxenlektüre.
Dabei gefallen mir durchaus nicht alle Geschichten. Eine lehnt sich für meinen Geschmack gar zu sehr an Lovecraft an. Eine erscheint mir unlogisch. Eine ansonsten herrliche arbeitet leider mit dem Stilmittel des Verschweigens. Eine erzählt mir zu verschachtelt.
Eines aber haben fast alle gemeinsam: Die Gnadenlosigkeit. Etliche bringen ihre Protagonisten in eine entsetzliche Situation mit gewisslich üblem Ausgang. Und überlassen es dem Leser, sich selbigen bunt auszumalen. Was er unweigerlich tut, ich zumindest. Autoren? Sadisten … übelste Fantasien ruften sie in uns wach! Der Jury muss beim Lesen der Wettbewerbsbeiträge angst und bange geworden sein. Wen hatte sie da auf sich aufmerksam gemacht?

Ach was. Der Torsten Low Verlag ist mit Horror so leicht nicht zu erschüttern, souverän legt er der geneigten Leserschaft seine Auswahl vor. Mit passendem Cover von Chris Schlicht und in optimaler Reihenfolge: Highlights wechseln mit gemäßigteren Begebenheiten. Zur Erholung, zum Atemschöpfen – Gothseidank. Ohne diese ruhigeren Lesestrecken wäre ich bei einer der so hektisch wie unerwartet losbrechenden Umblätterserien der rechts von mir wartenden Dame schreckensstarr vom Stuhl gefallen.
Oder ich hätte ihr – je nach Story – das Nichtlesemagazin zerfetzt, mit Schaum vorm Maul und drei bis sieben spontan produzierten Tentakeln.
Ein interessanter Aspekt dieser Anthologie: Die von mir als schwach empfundenen Geschichten werden woanders als die besten gelobt. Ich mag aus den unterschiedlichsten Gründen Die Klabauterkatze (Arndt Ellmer), Der Fang (Benjamin Nemeth), Fleischmanns Trophäe (Jan-Christoph Prüfer), Treibgut (Carsten Steenbergen), Faustpfand (Matthias Töpfer), Das Knusperhäuschen (Matthias Töpfer), Krieg der Kraken (Samuel White).
Ja, das sind viele. Und das ist noch die strenge Auswahl, mich hat noch mehr unterhalten. Andernfalls hätte ich an jenem Höllentag beim Orthopäden sicherlich eine Stunde früher bemerkt, dass ich vergessen worden war.
Mehr dazu: Thomas Backus