Twitterfreunde retten Familie aus Großbrand!

So könnte eine Boulevard-Zeitung die Wahrheit aufbauschen: Was an Reißerischem fehlt, wird mit leichter Hand ergänzt.1 Schnell aufgepoppt, schnell vergessen, wer brennt morgen? Mehr Leichen bei Abo!

Gar keine Leichen gibt es im Fall der Düsseldorfer Familie, deren Wohnung abgebrannt ist. Eltern, Kind und Haustiere sind den Umständen entsprechend wohlauf, ein Glück – aber alles andere ist weg. Auch das Heimbüro und damit fatalerweise der Arbeitsplatz der Mutter.2 Doch @botenstoff hat einen Twitter-Account und ist im Texttreff eingebunden, einem Netzwerk mit hunderten von Berufsgenossinnen im virtuellen Großraumbüro. Via Twitter verbreiten die Texterinnen derzeit Meldungen über ihre umfassende Hilfsaktion für die kleine Familie.

Selbst ich mache mit, habe ein paar Stunden lang an diesem Text gefeilt und dann etwas Geld zusammengekratzt3 und überwiesen. (Die Texteingabe beim Online-Banking akzeptiert das Ausrufungszeichen des Kennwortes nicht. Einfach weglassen.) Fast bilde ich mir ein, @botenstoff zu kennen, dabei bin ich bisher nicht ihr, sondern zwei ihrer Quasi-Kolleginnen gefolgt. Überwältigt von der Tatkraft dieser Netzwerkerinnen beobachte ich, wie sie die Möglichkeiten der 140-Zeichen-Kommunikation anwenden. Via klassisches Weitersagen sind früher oder später alle abgeklappert, über Twitters Followerlisten dagegen gelangt der Notruf zu viel mehr Menschen als nur dem üblichen Freundes- und Bekanntenkreis.

Wer hat schon die Zeit, sich in Düsseldorf auf die Straße zu stellen und Passanten anzusprechen: Hallo, Sie haben doch sicher von dem Brand am Kirchplatz gehört … oder gar ähnliche Aktionen in anderen Städten zu organisieren, zum Beispiel in Trier. Twitter kann das, wir tun es.4 Unsere Tweets liefern den Zugriff auf Fakten mit, die redundant und überzeugend die Echtheit des Düsseldorfer Unglückfalls beweisen. Sie finden einen solchen Bericht auf der Spendenwebsite Abgebrannt! Wir helfen. mit weiteren Links. Ähnliche Informationen bringen die Beiträge von Texttreff und Textsektor-Blog. Update: Ein weiterer Blickwinkel und die erste Spendenbilanz von Texterella.

Ein Wort zu randlichen Aspekten.5 Via Twitter erschließt sich eine ganz neue Möglichkeit des unmittelbaren Kontakts zu den Betroffenen. Hallo, die sind ja richtig echt – jeder kann sie über den Twitternamen etwas fragen (oder das freundlicherweise sein lassen). Blogger können sich mit einem schlauen Beitrag und vielen Links zum Thema hervortun.6 Kommentatoren können ihre Betroffenheit virtuell ablegen statt in Form von Blumen und Kerzen. Oder aber mit heuchlerischen Mitleidsbekundungen die eigene Unversehrtheit feiern, Beleidigungen hinterlassen, Häme verbreiten. Letzteres eine lästige, doch immerhin harmlose Begleiterscheinung.

Noch etwas. Diese Hilfsaktion wird sich herumsprechen. Sie könnte auch das Interesse der Medien wecken, zumal die WM vorbei ist und das Wetter nicht mehr lange Hetzereien gegen Züge mit Klimaanlagen rechtfertigt. Dabei wäre selbst eine ernsthaft mit Twitterfreunde retten Familie aus Großbrand! übertitelte Reportage von Nutzen. Sie würde den Weg der Hilfe durch Twitter bekanntmachen, und nur wer ihn kennt, kann ihn gehen – als Helfer oder Hilfsbedürftiger. Doch leider werden durch das Bekanntwerden auch die Geier auf den Plan gerufen. Diejenigen, die selber nichts zustande bringen und davon leben, anderen Stücke aus der Existenz zu hacken. Ich hoffe, die Gier und die meist kurzen Gedanken solcher Leute werden ihre Versuche vereiteln, in betrügerischer Absicht Notrufe zu fingieren und damit ein geniales Helfernetzwerk zu beschädigen.

  1. Hier angewendet, um Leser und damit potenzielle Spender anzulocken. []
  2. Update: Nicht nur die Mutter ist betroffen, beide Elternteile waren Freiberufler mit EDV-Heimarbeitsplatz und haben ihre vollständige Ausstattung verloren. Und die Wohnung war nicht gemietet, sondern frisch erworbenes Eigentum. []
  3. Ein meinem Lohn entsprechend mickriger Betrag und auch noch ein sehr krummer, damit der verbleibende Rest wenigstens rund ist. Kleine Macke.- Update: Spendenstand am Mittag des 15.07.: 14.101,15 €. Da mein Betrag auf ,08 endete, krümmen also auch andere. ;) []
  4. Wir sind Twitter. []
  5. Die mir durch den stets schreibwütigen Kopf geistern und unbedingt formuliert sein wollen. []
  6. Selbstkritik! Ich blogg’s trotzdem. []

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