Für den zweiten Bezirk hatte ich mir eine Einarbeitung erbeten. Er schien mir riesig und liegt in der verwinkelten Fußgängerzone dieser alten Stadt. Hier sind vor Äonen schon die Römerkinder verzweifelt beim Ausliefern von Steintafeln!
Daheim hieß es umpacken, denn die beiden Bezirke waren mit unterschiedlichen Prospekten zu beliefern. Gemeinsam mit dem Vertriebsinspektor ergründete ich das Geheimnis der Mexmoxstraße 45. Ich hatte so eine Ahnung, der wir folgten: 45 liegt links hinter der 44, der rechts die 46 folgt. Auch recht. Später in der Innenstadt ging es recht zögerlich voran. Ich finde ja nicht, daß man es ihm ansieht, dennoch nutzten manche Passanten die Anwesenheit eines leibhaftigen Vertriebsinspektors, um sich mit ihm über die Zustellung in ihrer Straße zu unterhalten. Schließlich riefen ihn Termine von meiner Seite und ich arbeitete alleine weiter, da ich mich ausreichend eingearbeitet fühlte. Hier in den autofreien von Menschen überquellenden Einkaufsstraßen lieferte ich die Zeitungen persönlich in den Geschäften ab. Wovor es mir am meisten gegraust hatte, machte so richtig Spaß: Durch das Gewimmel des Weihnachtsmarktes eilen, in jedes Geschäft hineinsausen, oft genug den Inhaberinnenn oder Inhabern den Lesestoff überreichen, davoneilen. Da machte es mir kaum etwas aus, daß es schon seit Mitte der ersten Straße nieselte. Ich fragte in einem Café an, ob ich meine Karre unter einem der riesigen Schirme parken darf (ich durfte) und eilte mit kleinen Stapeln in die Läden. Läden, die ich zuvor nie betreten hatte und womöglich auch nie mit Kauf im Kopf betreten werde. Aus einem Zeitungsartikel sind mir die Quadratmeterpreise der Mieten in etwa bekannt. Auhauerha, wie eine gewisse Comicfigur sagen würde, die sich vor Schreck erst mal ein Bier genehmigen müßte. Fump!
Es gab Menschen, die von der kostenlosen Wochenzeitschrift noch nie gehört hatten und mich mißtrauisch beäugten. Einige wenige wollten sie nicht haben. Alle anderen nahmen das Werk freundlich bis freudestrahlend entgegen. Das war toll. Fast hätte ich es selbst gelesen! Doch dazu blieb keine Zeit, außerdem regnete es stärker. Ich verteilte den Inhalt der wie zuvor obendrauf gepackten Mülltüte, die erste war geplatzt und die zweite verschollen. Also zerteilte ich vorsichtig – kostbares Gut! – die dritte in der Mitte und schnallte sie als Behelfsplane auf der obersten Kiste fest. Prompt regnete es stärker. Die nächste Straße zeichnete sich durch übertrieben sparsame Verwendung von Hausnummern aus. Zweimal fragte ich Geschäftsleute, die ihre Zeitung erfreut in Empfang genommen hatten, in welcher wir uns befänden. Draußen mußte ich feststellen, daß genau diese Häuser als Zustellverweigerer aufgeführt waren. Auch recht. Auf dem Rückweg hatten einige Läden schon zu und es wurde auch noch windig. Dafür regnete es weiter. Regelmäßig mußte ich meine flatterige Plane lupfen, um den Teich in der Mitte ablaufen zu lassen und dann die Enden in die Griffe der Kiste stopfen, weil sie sonst flügelgleich ihre nassen Schwingen ausbreiten würde. Einmal zog ich die Karre umständlich in einen engen Hauseingang, nur um wenigstens für zwei Minuten aus diesem gesichtshautabtötenden Geprassel herauszukommen. Die Brille wischte ich gar nicht erst, war sowieso sofort wieder naß.
Ich faßte die restlichen Zeitungen nach, die wir hatten deponieren müssen, weil mir nur diese beiden kleinen Kisten zur Verfügung standen. Ich wurde in drei Straßen kaum zwanzig Blatt los. Hätte ich vielleicht doch die Kirche mit 100 Stück für die Gläubigen versorgen sollen? Oder die Spielbank mit einer Extraration für verarmte Opfer, ihnen die Parkbank kuschelig einzurichten? Eine weitere Straße neben dem passenden Park war so dunkel, daß ich gar keine belieferbaren Häuser entdecken konnte. Drei Exemplare wanderten in Kästen. Dafür der ganze Weg mit der schweren neuen Ladung! Der beständige Regen machte es auch nicht besser. Da muß ich nächstes Mal bei Tageslicht vorbeischauen. Wahrscheinlich war dort so schlechte Sicht, weil ein Hochhaus mit 200 Wohneinheiten selbst den nächtlichen Schlechtwetterhimmel noch verfinstert. Wo sonst, zum Teufel, haben meine Vorverteiler all diese Zeitungen gelassen?
Grübelnd machte ich mich auf zur nächsten Liefergegend. Hier griff nun das Crosstraining, ich war noch immer fit. Allmählich strahlte ich allerdings ungute Vibrationen in Richtung eines gewissen Vertriebes ab, der große stabile und rote Kisten mit anscharniertem Deckel anbietet, die auch stapelbar sind. Als die nächste Straße auf der ganzen Strecke nur einen einzigen Briefkasten zu bieten hatte, fragte ich mich dann doch, was ich eigentlich verbrochen hatte. Und siehe, da fiel mein Vertriebsinspektor vom Himmel. Er verfrachtete mich kurzerhand samt Karre und Behelfskisten ins Auto und wir bearbeiteten die letzte Straße gemeinsam. Danach erfuhr ich, daß ich dreieinhalb Stunden lang im Regen herumgelaufen war. Fump!
Schlagworte: Kisten, Stapelboxen, Zeitungen verteilen