Die versprochene Hecke konnte ich auch deshalb nicht mehr gärtnerisch betreuen, weil ich stattdessen ein Stückchen Wiese für sehr späte Blumenaussaat umgegraben habe, denn die Ergebnisse der beiden ersten Versuche wurden bis auf wenige Exemplare Opfer der Schnecken. Beet statt Hecke, drei Tage statt vier, das muss das Schicksal verwirrt haben – oder wen auch immer ich da hatte bestechen wollen. Verwirrt war ich offenbar selbst. Das unerwartete Ereignis war eine Einladung zum Vorstellungsgespräch, ich hatte mich als Spülerin in einem sympathischen Betrieb in der Trierer Innenstadt beworben.1 Wen das wundert, der stelle sich vor, wie verzweifelt man sein muss, um sich bei McDonald’s zu bewerben – von der hübschen Saarbrücker Dachwohnung mal abgesehen. :^^: Mein Kontostand fällt so rapide, dass ich ständig ein leises Pfeifen zu hören glaube. Hartz IV! Hartz IV! singt ein düsterer Chor im Hintergrund, Macht den Untermensch aus Dir! Krass, aber realistisch. Man beachte das Verb “macht”, vorher waren wir fast alle ganz normal.
Heute um sechzehn Uhr lernte ich den jungen Chef mit dem eindringlichen Blick kennen – nein, er starrt nicht, er will wissen, ob sein Gegenüber zuhört und begreift, was er sagt. Außerdem beobachtet er Reaktionen und bildet sich so sein Urteil. Es gibt in diesem Betrieb keine verqualmten Personalräume, weil in Teilschichten mit einer Pause von 2,5 Stunden gearbeitet wird, der einzige Nachteil, denn nach einem solchen Tag schreibe ich nichts mehr. Gesucht war eine Vollzeitkraft und der Chef versicherte mir mehrmals, es sei Knochenarbeit, offenbar wirke ich irgendwie schwächlich, seit ich so wabbelig geworden bin. Er zeigte mir die Küche, eine baulich gelungene Angelegenheit, sozusagen ein Raum, in dem man sich gern aufhält. Allerdings ist sie nicht von der Spülküche getrennt, ich sah kurze Wege, alles ist viel enger, als ich es von vorher kenne, wenn mal nichts zu spülen ist, wird in der Küche geholfen und nicht wie im anderen Betrieb geputzt.
Ich besah diese angenehme kleine Küche mit lauter freundlichen Leuten drin (entweder sie mögen ihren Chef oder er hat sie an der Kandarre :^^: ) und dachte das Arbeiten im “Edelstahllager” in der Mittagspause der Köche. Also sagte ich, das einzige, was ich mir hier denken könne, sei, das mir vielleicht der Friteusendunst nicht so gut bekommen könne. Die Arbeit erschien mir gegenüber vorher ehrlich gesagt sehr gut zu bewältigen und die Bezahlung war ein Traum, übertariflich hoch. Der Chef verstand das seltsamerweise so, als fände ich die Luft jetzt schon komisch, was aber nicht der Fall war, im Gegenteil, es war nicht einmal unangenehm warm dort. Er schlug vor, ich solle eine Woche auf 400€ – Basis probearbeiten, doch dann erwähnte ich, der Zusammenhang ist mir entfallen, ich sei beim Minijob als Spülerin einmal wegen Sehnenscheidenentzündung ausgefallen – hörte mich das selbst sagen und dachte Moment mal?!, der Chef aber meinte “Sagen Sie mal, sind Sie oft krank?”
Liebe Leserinnen und Leser, ob Sie es glauben oder nicht – das Ganglion und die Sehnenscheidenentzündung hatte ich vollständig vergessen. Zwei Ärzte hatten gesagt, sie komme vom Schreiben, ich schreibe tagtäglich mehrere Stunden, doch seit ich den Minijob als Spülerin aufgegeben habe, habe ich keine Beschwerden mehr, auch nicht, wenn ich zwischendrin landschaftsgärtnerische Arbeiten verrichte, die nicht mit denen eines Gewächshausgärtners zu verwechseln sind. Ich war etwas verdattert und bat, wieder in den Gastraum an unseren Tisch gehen zu dürfen. Dort überlegte ich hin und her, vom Buch würde ich nicht lassen, würde das Ganglion wiederkommen? Ein Minijob war nicht gefragt, sondern fünf Tage die Woche. Mit Frittenfett und Spülküchendünsten. Es ist mir gar nicht leicht gefallen, doch kann bei meiner Vorgeschichte nicht versprechen, nicht zu erkranken – ich habe abgesagt. Der Chef bedankte sich und ging, ich glaubte in seinem Blick die zu erwartende Gereiztheit zu erkennen – Hätte die sich das nicht gleich denken können? – aber auch eine leise Enttäuschung. Immerhin hätte er endlich eine verlässliche Vollzeitkraft gehabt. Ja, mir tat es auch sehr leid! Dort hätte ich auch für hundert Euro netto (!) weniger arbeiten wollen, denn mit so viel hatte ich etwa gerechnet.
Wieder daheim, stand ein Briefumschlag auf dem Kasten, verwirrtes Schicksal – er enthielt wirklich und wahrhaftig die Ankündigung eines der tatsächlich erwarteten Ereignisse. Es mag im Nachhinein gierig klingen, doch dem ist nicht so, meine Erwartungshaltung war aus der Not geboren. In unnötig unfreundlichem Ton teilt mir ein Nachlassverwalter unter anderem mit, die Wohnungseinrichtung meiner verstorbenen Verwandten habe nur noch Schrottwert. Sehr geehrter Herr Rechtsanwalt, auch mit meiner Wohnungseinrichtung verhält es sich nicht anders, in der Tat ziehe ich in vielen Fällen Möbel vom Sperrmüll neu gekauften vor. Vielleicht liegt das ein wenig in der Familie, trotzdem halte ich eine solche Formulierung für pietätlos und unangebracht. Außer dem “Schrottwert” bleibt ein kleines Vermögen, das mir, geteilt durch alle Erbberechtigten, zum einen wegen seiner Geringfügigkeit die Erbschaftssteuer erspart und zum anderen ermöglicht, bei meinen sehr bescheidenen Ansprüchen noch eine Zeitlang ohne Arbeit für andere auszukommen. Sprich, ich kann mich einige Monate lang voll und ganz meinem Buch widmen und wenn ich einen angenehmen Minijob finde, reicht es noch ein wenig länger. Gerettet!
1 Ich möchte den Namen auch dieser Gastronomie nicht nennen, selbst wenn ich nur Gutes zu berichten habe. Irgendwer bekommt doch immer etwas in den falschen Hals.
Die versprochene Hecke konnte ich auch deshalb nicht mehr gärtnerisch betreuen, weil ich stattdessen ein Stückchen Wiese für sehr späte Blumenaussaat umgegraben habe, denn die Ergebnisse der beiden ersten Versuche wurden bis auf wenige Exemplare Opfer der Schnecken. Beet statt Hecke, drei Tage statt vier, das muss das Schicksal verwirrt haben - oder wen auch immer ich da hatte bestechen wollen. Verwirrt war ich offenbar selbst. Das unerwartete Ereignis war eine Einladung zum Vorstellungsgespräch, ich hatte mich als Spülerin in einem sympathischen Betrieb in der Trierer Innenstadt beworben.1 Wen das wundert, der stelle sich vor, wie verzweifelt man sein muss, um sich bei McDonald's zu bewerben - von der hübschen Saarbrücker Dachwohnung mal abgesehen. :^^: Mein Kontostand fällt so rapide, dass ich ständig ein leises Pfeifen zu hören glaube. Hartz IV! Hartz IV! singt ein düsterer Chor im Hintergrund, Macht den Untermensch aus Dir! Krass, aber realistisch. Man beachte das Verb "macht", vorher waren wi