(Fortsetzung von Sarkoidose I) Ein paar Monate weniger arbeiten, den Kummer bewältigen, den Streß reduzieren – so glaubte ich mich wieder auf den Damm bringen zu können. Schließlich war ich schon seit über zwei Jahren Nichtraucherin und hatte zuvor kaum Probleme gehabt mit dem Qualm, ebensowenig wie in meinen rauchfreien Jahren vor der etwa vierjährigen Rauchphase. Ich war ja nur so schnell müde und bekam vom Qualm Kopfweh und Husten. Ich brauchte nach meinen traditionellen Abendschichten am Montag und am Dienstag auf einmal den ganzen Mittwoch, um mich zu erholen. Statt ausgeschlafen und unternehmungslustig aufzuwachen, schlief ich extrem lange, schleppte mich dann kraftlos mit Kopfschmerzen in der Wohnung herum, lag oft bereits nachmittags im Sessel, dachte häufig, eine Erkältung sei im Anmarsch, hatte leichtes Fieber. Ich ging früh zu Bett, aber donnerstags fühlte ich mich wie neugeboren, war aktiv und munter. Also konnte das doch nichts ernstes sein? Manchmal glaubte ich fast, ich bilde mir die Beschwerden ein. Bis zur nächsten Schicht. Bisweilen hatte ich mehrere Tage frei, dann war der erste Abend in der Küche ganz besonders unerträglich, am zweiten Tag ging es besser, am dritten und meistens auch am vierten hatte ich frei und konnte mich erholen. So hangelte ich mich von freiem Tag zu freiem Tag durch die Monate, trug lange am Kummer, da dem ersten Todesfall weitere folgten. Beruflich war ebenfalls keine Entspannung in Sicht, was zum einen am Berufszweig lag, zum anderen an der durch vier Vollzeitkräfte finanziell völlig überforderten veralteten Kneipenstruktur. Schichtarbeit in der Gastronomie läßt für Kommunikation wenig Zeit, und so kann man nach elf Jahren durchaus unvermittelt feststellen, daß das Kollektiv gar keins mehr ist, Tag und Abend einander verkennen und Zusammenarbeit nicht Zusammenhalt bedeuten muß.
Mich kostete die Umstrukturierung der Kneipe (von der Mitwirkung daran hielten mich besagte private Probleme ab) den sozialversicherten Arbeitsplatz. Selbst dann glaubte ich noch, dort eventuell einmal im unteren Gleitzonenbereich weiterarbeiten zu können. Trotz allen Geredes von ‘Überempfindlichkeit’ und ‘psychisch bedingt’, mit dem Kolleginnen, Kollegen und Gäste meinen Zustand zu kommentieren pflegten, war mir derselbe schließlich selbst nicht mehr geheuer und ich suchte Anfang Juli einen Arzt auf. Lungenfunktion hervorragend, Blutwerte unauffällig, keine weitere Untersuchung nötig erfuhr ich am Morgen der Untersuchung durch den ärztlichen Dienst der Agentur für Arbeit. Da ich mich sowieso gut und nach dieser Meldung wunderbar fühlte, lehnte ich diese mir überflüssig erscheinende Untersuchung ab. Der seltsamen Beule auf dem rechten Unterarm schenkte ich weiter keine Beachtung. Da mußte ich mich wohl gestoßen haben, obwohl ich mich nicht daran erinnern konnte. Seltsamer Knubbel, ziemlich weh tat er auch, aber das würde sich schon legen.
Es legte sich nicht, die Beule verdoppelte sich innerhalb von drei Tagen, natürlich am Wochenende. Montags früh, am 30. Juli, war ich wieder beim Arzt, der die Beule sehr ernst nahm. Ich verbrachte drei Vormittage in der Praxis bei Untersuchungen statt zu arbeiten. Dienstags lag der erste Befund vor: Das Röntgenbild der Lunge legte einen Verdacht auf Sarkoidose nahe. Davon hatte ich noch nie gehört, die Krankheit ist auch einigermaßen selten. Trotz allem fühlte ich mich gut und ging wieder zur Arbeit. Mein Geld war knapp. Ein großer Fehler, später konnte ich das nicht mehr nachvollziehen. Nun ja, hinterher sagt sich das einfach. Innerhalb weniger Tage hatte ich alle Symptome entwickelt, nach denen sich der Arzt schon montags bei der ersten Untersuchung erkundigt hatte: Weitere Beulen an den Beinen, quälenden Husten, Mattigkeit, leichtes Fieber. Binnen kurzem waren beide Unterschenkel und auch die rückwärtigen Oberschenkel mit riesigen roten, bei der kleinsten Berührung schmerzenden und immer glühend heißen Flecken übersät. Das ist eine Entzündung des Unterhautfettgewebes, sie heißt ‘Erythema nodosum’ und später war ich fast froh darum: Nebst anderen Krankheiten begleitet sie auch die akute Erscheinungsform der Sarkoidose, die häufig von selbst ausheilt. Mein Husten wurde beim Arbeiten schlimm bis zum Brechreiz, ich hatte mir eine seltsam flache Art des Atmens angewöhnt, hatte Konzentrationsprobleme und Gedächtnisausfälle, durch manche Schicht rettete mich nur meine langjährige Berufserfahrung – diese Arbeit konnte ich auch im Halbschlaf verrichten. Und nach wie vor erholte ich mich wieder, quasi kaum daß die Kneipe hinter mir lag, allerdings nicht mehr bis zum Wohlbefinden.
Aufgrund der dennoch fühlbaren Erholung schleppte ich mich noch immer in die Kneipe. Keine Ahnung, wieso. Wie oft mußte ich für Kolleginnen mit lächerlichen ‘Krankheiten’ einspringen, da bleibt man doch nicht gleich daheim! Muß wohl eine althergebrachte Neigung zur Selbstausbeutung sein. Auch war mein Arzt in Urlaub und ich war nicht geneigt, mich von einem anderen als Simulantin abstempeln zu lassen, was bei Sarkoidosekranken häufig vorkommt – wir erinnern uns: Überempfindlichkeit, psychisch bedingt und dergleichen mehr. Ebensowenig legte ich Wert darauf, all die Untersuchungen nochmals über mich ergehen zu lassen, nur damit man mir glaubt. Ich sah zu, daß ich häufig frei hatte. Zwei Tage lang konnte ich jeweils einen Arm kaum heben bzw. erhoben halten und mußte ihn an die Wand legen, um mich anziehen zu können, dann wurde es wieder besser. Schließlich nutzten auch fünf freie Tage nichts mehr, es kam so weit, daß ich nicht mehr in die Hocke gehen und keine Treppen steigen konnte, weil meine Knie zu sehr schmerzten. Ich verbrachte aufgrund eklatanten Personalmangels tatsächlich noch sechs Stunden Montagsschicht in der Küche, während derer die vorher nur angedeutet vorhandenen Beschwerden so akut wurden, daß ich früher Feierabend machen mußte. Das war der 13. August und ich arbeitete niemals wieder in dieser Küche.
Am nächsten Morgen wollte mich der erschrockene Arzt sofort in ein Krankenhaus einweisen, um dort stationär meine Lunge genauer untersuchen zu lassen. Dieses Ansinnen hat mich wiederum dermaßen erschreckt, daß ich mir Bedenkzeit erbeten habe und mich zwei Wochen lang nicht mehr dort blicken ließ. Mit Wildfremden im Zimmer, der ständige Lärm, die Weckzeiten, keinerlei Privatsphäre, das ewige Fernsehgeflimmer (ich hasse fernsehen), keine Ernährung nach meiner Vorstellung – das erschien mir unerträglich. Und siehe, es ging mir schon nach wenigen Tagen etwas besser, namentlich, als ich montags darauf nicht in meiner üblichen, vom Waschen noch steifen Kochmontur meinen Gang in diese Küche antreten mußte. Die Erythema blieben mir noch sehr lange erhalten, das Fieber und das Erkältungsgefühl ebenfalls, die Gelenkschmerzen und der Husten verschwanden am schnellsten. Eine Lungenspiegelung, zum Glück war sie ambulant durchführbar, bestätigte die befallene Lunge. Sie ergab aber auch den Befund, daß ich offenbar zur selbstheilenden Variante gehöre. Herz, Augen und Haut mußte ich auch jeweils untersuchen lassen, sie sind nicht betroffen. Nur meine Frauenärztin konnte noch ‘vorzeitige Wechseljahre’ beisteueren, was aber mit der Sarkoidose wohl nichts zu tun hat, sondern nur die ‘Hormonstörung’ genauer umschreibt, die mich bereits seit Jahren plagt.
Ich bin sehr froh, daß ich seit mittlerweile drei Jahren nicht mehr rauche, seit Sommer 2006 mehr oder minder regelmäßig auf dem Crosstrainer kurbele, schon seit langem auf meine Ernährung achte (zur Zeit hapert es ein wenig damit, man kann nicht immer alles machen) und nie wieder in verqualmter Gastronomie arbeiten muß. Seit dem 31. August habe ich keine Kneipe, überhaupt keine Räumlichkeit mehr betreten, in der geraucht wird – abgesehen von den Erscheinungen in meiner Wohnung. Trotzdem heilt meine Lunge nicht. Mittlerweile sind alle Symptome verschwunden, die Lungenfunktion ist sehr gut – aber das Röntgenbild von November sieht noch genauso aus wie am 31. Juli, dem Tag des ersten Befundes. Der nächste Kontrolltermin ist Anfang Februar und ich hoffe doch, daß sich dann etwas getan hat. Wenn nicht, werde ich diese Wohnung aus Krankheitsgründen verlassen, in der Hoffnung, daß es hilft.
(Hierzu auch: Selbstheilung)
(Fortsetzung von Sarkoidose I) Ein paar Monate weniger arbeiten, den Kummer bewältigen, den Streß reduzieren - so glaubte ich mich wieder auf den Damm bringen zu können. Schließlich war ich schon seit über zwei Jahren Nichtraucherin und hatte zuvor kaum Probleme gehabt mit dem Qualm, ebensowenig wie in meinen rauchfreien Jahren vor der etwa vierjährigen Rauchphase. Ich war ja nur so schnell müde und bekam vom Qualm Kopfweh und Husten. Ich brauchte nach meinen traditionellen Abendschichten am Montag und am Dienstag auf einmal den ganzen Mittwoch, um mich zu erholen. Statt ausgeschlafen und unternehmungslustig aufzuwachen, schlief ich extrem lange, schleppte mich dann kraftlos mit Kopfschmerzen in der Wohnung herum, lag oft bereits nachmittags im Sessel, dachte häufig, eine Erkältung sei im Anmarsch, hatte leichtes Fieber. Ich ging früh zu Bett, aber donnerstags fühlte ich mich wie neugeboren, war aktiv und munter. Also konnte das doch nichts ernstes sein? Manchmal glaubte ich fast, ich bilde mir die