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Wünsche und Visionen

Sonntag, 11. Juli 2010

Ich wünsche mir ein Notebook, das wie die Miele über zwanzig Jahre hält und niemals zu wenig Speicherplatz oder zu langsame Prozessoren oder veraltete Software hat. Erst im Jahr 2035 wird es an zerbröselndem Plastikmaterial zugrunde gehen, weil der 2006 verwendete Werkstoff den Temperaturschwankungen im Kniestock nicht mehr gewachsen ist.

Mit Veranda wohnen. Drumherum Ruhe und ein Garten, der mich zu körperlicher Betätigung zwingt und mir etwas vorwächst. Mit ausreichend Fläche für eine autarke Energieversorgung, Solar, Wind oder die Erfindung der Zukunft. Sie sichert mir einen Nebenerwerb, vielleicht ziehe ich mit dem LEobil1 über Land und tausche bei meinen Stromkunden leere Speichermodule gegen aufgeladene aus.

Zwei Wochen lang nur an der Homepage arbeiten. Drei Wochen! Zwölf Stunden am Tag und mehr, bei vernünftigen Temperaturen, ohne nachbarliche Lärm- und Gestankattacken. Frei von Geldsorgen und Verpflichtungen mit XHTML und CSS und Sprache werken. Neues lernen, Vergessenes wiederentdecken.

Kurzgeschichten schreiben, für Wettbewerbe. Die zu Tode gekürzte “Spülmädchen”-Geschichte wieder heil und rund machen. Das Blog beliefern, meine Leserschar unterhalten, das Kommentieren wieder vereinfachen. Die Schatzfahrt markttauglich machen, die Vorgeschichte dazu schreiben, ein ganz anderes Buchprojekt beginnen. Schreiben, schreiben, schreiben. Bedingungen siehe vorherigen Absatz.

Die Altglasflut in der Dachkammer eindämmen. Ungeheure Massen von Flaschen und leeren Gläsern in portable Haufen verpacken, abtransportieren und in die farblich passenden Container hineinklirren. Gurke, Senf, Sojawürstchen, klirr-klirr-klirr. Wein, Sekt, Piccolo, klirr-klirr-plenk. Dicke Pulle Bier, klier.

Verspüren auch Sie mitunter die Neigung, Ihre Wünsche und Visionen schriftlich festzuhalten? Psst: Mogeln Sie eine/n dazwischen, den oder die Sie durch Aufraffen und Organisieren recht einfach selbst bewältigen können. (Hier: Das Altglas. Das Überarbeiten. Das Schreiben.) Und vielleicht die eine oder andere Bedingung, die sich durch Abwarten ganz von selber einstellen wird. (Hier: Der Herbst.) Das ist zwar nur ein Trick, aber er sorgt dafür, dass Sie hinter manchen Punkt Ihrer Liste ein sehr befriedigendes Häkchen setzen können.

  1. Das Leo-Elektro-Mobil. Mit viel Stauraum und ein paar Leopardenflecken drauf. []

Visionenvariationen

Freitag, 18. April 2008

Lässt man die Gedanken schweifen, ist die Zeit auf dem Crosstrainer schnell vorbei. Mir kreiste heute morgen – wer schon – Jack Sparrow im Kopf herum und traf so den aufrecht gelagerten Schwungkreis der Pedale aufs Schönste im rechten Winkel. Meine Erkenntnis, ein nicht existenter Mann habe den Vorteil, dass er nie lästig falle, führte selbstredend zu der, dass er allerdings auch sonst nichts tue und mündete schließlich in ein längeres Gedankenspiel: Was wäre, wenn ich morgen früh um vier aus dem Schlaf gerissen würde, nicht etwa, weil ich wieder zu spät trainiert habe, sondern weil die Figur ‘Jack Sparrow’ unabhängig von ihrem Darsteller zu eigenem Leben erwacht ist. Und das ausgerechnet auf den fünfzig Zentimetern Raum zwischen meinem Futon und der Wand der Schlafkammer.

Prompt ergibt sich ein Problem, meinethalben könnte da auch die Merkel stehen und den Staatsbusen schwenken, ich sehe so schlecht, ich würde auch im Licht meiner Leselampe niemanden erkennen. Vermutlich würde ich aber einen Geruch wahrnehmen, denn ein altertümlicher Pirat dürfte ein kräftiges Aroma verbreiten. Wäre übrigens erstaunlich, wenn der Mann in diesem Alter noch alle Zähne hätte … Krankheiten … bevor mir die vielversprechende Vision entgleitet, halte ich die Szene lieber unrealistisch. Ich erkenne also beim Aufschlagen der Augen auch ohne Brille, wer das ist (vielleicht hat er eine Fackel mit?), er dagegen ist für seine Verhältnisse ausnehmend gesund und riecht bloß würzig. So gefällt mir das schon besser. Was passiert als Nächstes? Dazu fallen mir einige Variationen ein.

Möglichkeit 1: Ich renne schreiend weg
Das wundert Sie, wo ich doch seit drei Tagen nichts anderes als Jack Sparrow im Kopf habe? Stellen Sie sich vor, Sie wachen auf und da steht diese Gestalt neben Ihnen, bewaffnet und mit wildem Blick – dieser einem Kinofilm entsprungene Charakter, den es gar nicht gibt! Ich halte Möglichkeit 1 durchaus für denkbar.

Möglichkeit 2: Jack Sparrow rennt schreiend weg
Wenn er die Tür findet. Meine Schlafkammer ist allerdings nicht so hightech, dass er das nicht schaffen sollte. Jack Sparrow umgibt sich am liebsten mit wunderschönen Frauen, mein Anblick könnte ihn abschrecken. (Also mir wäre Elissebiss etwas zu fad.) Hm, Möglichkeit 2 erscheint mir wenig plausibel. Der Mann ist schließlich nicht feige und an schreckenerregende Erscheinungen gewöhnt.

Möglichkeit 3: Ich drehe mich um und schlafe weiter
Wie gesagt, dieser Mensch existiert nicht. Was würden Sie an meiner Stelle glauben – dass die Gestalt, die Sie seit Tagen beschäftigt, plötzlich real geworden ist, und das ausgerechnet in Ihrer Schlafkammer neben dem Futon? Oder dass Sie im Halbschlaf phantasieren? Bingo. Ich erwache also ein paar Stunden später, sehe an der Wand den Ruß der Fackel, sehe die Stiefelabdrücke vorm Bett und vielleicht ein Stück braune Zottel, ich erinnere mich an die dunklen Augen, die erstaunt auf mich niedersahen … Von diesem Tag an erwache ich jeden Morgen um vier Uhr von selbst, seiner Rückkehr harrend, und verliere im Laufe der Jahre heimlich, still und leise den Verstand, denn er wird sich nicht mehr zeigen. Niemals mehr. Schnief. Möglichkeit 3 ist brabbel schluck schluchz …!

Möglichkeit 4: Ich biete ihm einen Pennplatz an und am nächsten Morgen gehen wir erst mal in die Stadt
Drüber schlafen ist nicht immer die schlechteste Möglichkeit und Mohicains Bude steht leer, wie praktisch. Morgens könnte ich ihm vielleicht begreiflich machen, wo er sich befindet, zeigen ist besser. Oje. Trier ist eine kleine Stadt, es hat ab und zu einhunderttausend Einwohner. Hinzu kommen Reisende im Verhältnis 1 : 1. Morgen ist Samstag, da kommt das Umland zu Einkaufen angefahren, Touristen, Eifelaner, Hunsrückianer, Luxemburger, sogar Trierer, Zehntausende werden in der Stadt sein, und wen sehen sie? Jack Sparrow aus ‘Fluch der Karibik’ mitten in der Trierer Fußgängerzone. Dank der allgegenwärtigen Mobiltelefone werden wir höchstens bis zum Hauptmarkt gelangen, dann haben uns die Fans eingekesselt, es gibt kein Entrinnen, alle wollen sehen, fotografieren, anfassen, Autogramme, hysterische Weiber reißen sich die Kleider vom Leib, ein paar hübsche Männer auch, die Polizei riegelt die Innenstadt ab, durch alle Gassen strömen immer noch mehr Leute herbei, Rettungshubschrauber werden von solchen mit Kamerateams vom Schauplatz vertrieben, der OB fordert Militär an, die tobenden Massen stürmen alle angrenzenden Häuser, schlagen Türen und Fenster ein und erklimmen die Dächer, um nur einen Blick zu erhaschen … stop. Möglichkeit 4 ufert aus und entzieht sich meiner Kontrolle.

Möglichkeit 5: Es passiert gar nichts
Meine Rolle in der Geschichte endet, kaum dass sie begonnen hat, denn Jack Sparrow ersticht mich im Schlaf. Vermutlich plündert er meine Wohnung, folgt seinem Spürsinn bis zur Mosel und kapert ein paar Tage später ein Rheinschiff. Ich kann Ihnen da nicht weiterhelfen, ich bin leider tot. Möglichkeit 5 kommt mir irgendwie unlogisch vor.

Möglichkeit 6 – ach was. Fünf Variationen meiner Vision reichen doch völlig aus.